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13/06/2009

Kleinste Ausstellungsfläche Berlins inszeniert s.h.e.

Unter der Adresse Friedrichstraße 210, beim Checkpoint Charlie, führt eine gewölbte Durchfahrt in den Innenhof eines Gebäudes aus den Jahren um 1910. An der Schwelle zwischen Innen und Außen, liegt am Eingang zu einem marmorverkleideten Treppenhaus die frühere Pförtnerloge des Hauses. Nach einer gelungenen Renovierung haben Martin Mlecko, Fotograf und Filmemacher, und Wolfgang Schöddert, Kunsthistoriker, diesen originellen Ort unter dem Namen Loge zu einem Ausstellungsort für raumbezogene Arbeiten entwickelt. Zwei kleine, mit Tudorbögen abgerundete Schiebefenster gewähren den Blick von Drinnen nach Draußen und umgekehrt. Die Loge ist ein begehbarer Raum und dennoch mehr Vitrine als Raum.

[caption id="attachment_1826" align="alignleft" width="208" caption="Eingang zur Loge © Katia Hermann"]Eingang zur Loge©Katia Hermann[/caption]

Das Werk

Theoretisch tot von Stefan Heinrich Ebner, Pseudonym s.h.e., ist eine Skulptur, ein Gebilde, dessen Strukturelemente mit Tierfellen umhüllt sind. Frei in der Loge hängend ertasten die längsten Fühler des Gebildes die Dimension des Raumes - ca. 4qm groß mit einem unregelmäßigen Grundriss - und streben nach Ausdehnung. Struktur und Fell wirken wie eine wesenhafte Einheit. Theoretisch tot berührt diese Einheit und verlangt nach der Reflexion über Entwicklung und Wachstum, Entfaltung und Erfüllung, Leben und Tod. Der Titel des Werkes spricht diese Reflexion mit einer gewissen Ironie an.

Zwei Jahre hing die Basis des Werkes im Atelier s.h.e.-Studio von Stefan Heinrich Ebner in den Josettihöfen in der Rungestrasse. Es brauchte eine lange Zeit, um zu wachsen. Mit ihrer Basisstruktur aus Bambus verlangte die Skulptur keine Kanten, sondern eine „unscharfe“ Hülle. Fell war das perfekte Material: Natürlich, organisch, weich, mit unscharfen, unregelmäßigen Rändern und quasi lebendig. Hier ein „Bastard“, Felle von verschiedenen Tieren wurden zu einem neuen „Wesen“ zusammengefügt.

[caption id="attachment_1827" align="alignleft" width="224" caption="Ansicht "Theoretisch tot" in der Loge © Katia Hermann"]Ansicht Theoretisch tot in der Loge©Katia Hermann[/caption]

Der Künstler

Stefan Heinrich Ebner wurde 1965 in Freiburg geboren und arbeitet seit 1986 in Berlin. Er gründete 1989 das „Jour Fix im Cafe Einstein, Tisch 133", diskutierte über raumbezogene Kunst und soziale Skulptur. Seine Projektionen und nichtsimultanen Räume führten ihn zur Bildarchitektur, die er in Form von Fotogeflechten verschiedener Architekturaufnahmen im Deutschen Architekturzentrum (DAZ) sowie Galerien in Deutschland, New York und der Schweiz ausstellte. Seine Farbfeldanimationen, die aus der 3-D entsprungen sind, die Lichtbilder, die Projektionen auf Pneumatik, der Raumfilter, die Raumfotografie, die Raumfalten und die Bildarchitekturen finden alle ihren Ursprung im strukturellen Aufbau.

Stefan Heinrich Ebner befasste sich lange mit Architekturtheorie. Die ästhetische Infrastruktur ist der Überbegriff seiner Kunst. Nach vielen Jahren der Arbeit am Computer packte ihn das Verlangen "fassbare" Strukturen, Skulpturen, in den wahrhaftigen Raum zu bringen. So entstanden in den letzten Jahren eine Reihe von hängenden Strukturen, bedeckt mit Fell oder auch Federn, die mit Poesie unsere Sinne ansprechen und das Verlangen erzeugen, sie zu umgehen, zu streicheln oder gar hineinzusteigen.

An diesem Ort, der Loge, ist dies leider nicht möglich, nur die zwei abgerundeten Schiebefenster und das schmale Fenster in der Tür gewähren Blicke. Doch umso größer ist auch der Effekt in dieser Art Vitrine: Das eingeschlossene Werk strebt nach außen zum Betrachter, das dessen Verlangen nach Nähe nur steigert.

[caption id="attachment_1828" align="alignleft" width="225" caption="Theoretisch tot von s.h.e. © K atia Hermann"]Theoretisch tot von s.h.e. ©K atia Hermann[/caption]

Der Ort

In ihrer ursprünglichen Funktion war die Loge eine Registratur für Rituale innerhalb der sie umgebenden Architektur. Ein Wechselspiel zwischen Innen und Außen gehört zu ihren Eigenschaften. Sie war ein eng angelegter Arbeitsplatz, ein Ort der Information und zugleich ein Schicksalsplatz - Menschen wurden willkommen geheißen oder zurück auf die Straße verwiesen, angezogen oder abgestoßen. Die Loge war Arbeiten gewidmet, heute der Kunst. Der Wunsch, das Bewusstsein gegenüber einer alltäglichen Schönheit und Poesie zu stärken, steht gleichwertig daneben.

Martin Mlecko und Wolfgang Schöddert arbeiten seit den frühen 1990er Jahren an gemeinsamen Projekten im öffentlichen Raum. Künstlerische und kuratorische Grundgedanken basieren dabei stets auf sozialpolitischen Zielsetzungen. Wesentliches Merkmal war und ist der diskursive Austausch und die Einbindung Anderer in konzeptuelle Prozesse und gleichzeitig die Auseinandersetzung mit Orten, die bestimmte kulturelle Zusammenhänge spiegeln.

An diesem geladenen Ort in der Friedrichstraße in Berlin, der an einem einst neuralgischen und politischen Ort im historischen Zeitungsquartier Berlins liegt und heute zum touristischen Magneten der Stadt gehört, wird die Intention des Projektes und des Werkes Theoretisch tot von Stefan Heinrich Ebner sinnlich spürbar.

04/06/2009

BORDERS: Internationale Gruppenausstellung in Berlin

Der Begriff Border wird in einer Gruppenausstellung in Berlin zur Diskussion gestellt: In seinem 3. Ausstellungsprojekt BORDERS - Rand Grenze Rahmen präsentiert der Berliner Kunstverein ConcentArt e.V. in seiner Location in Kreuzberg 17 nationale und internationale Künstler und Künstlergruppen (5. Juni bis 26. Juli 2009). Der Kunstverein stellt künstlerische Auseinandersetzungen, Methoden und Darstellungsformen über gesellschaftliche Phänomene und Diskurse der Gegenwart in den Mittelpunkt seiner Ausstellungen, für die Begriffe aus dem kollektiven Bewusstsein ausgewählt und zur Diskussion gestellt werden.

Begriffe aus dem kollektiven Bewusstsein

[caption id="attachment_1668" align="alignleft" width="224" caption="Vox Populi von Don Ritter, Borders © K. Hermann"]Vox Populi von Don Ritter, Border©K.Hermann[/caption]

Der Begriff Border und seine deutschen Entsprechungen im Titel des gleichnamigen Ausstellungsprojektes ist ein Angebot des Berliner Kunstvereins ConcentArt e.V. an Künstler aller Genres, Medien, Darstellungs- und Ausdrucksformen, sich produktiv mit gesellschaftlichen Realitäten auseinanderzusetzen und sie sinnlich mit ihren künstlerischen Mitteln in Entsprechung zu dem Begriff Border erfahrbar zu machen. Nach den thematischen Gruppenausstellungen "Sicherheit" und "Wa(h)re Kunst" zeigt ConcentArt e.V. in dem großen Ausstellungsraum in einem Hinterhof der Kreuzbergstraße mit BORDERS – Rand Grenze Rahmen wieder einmal Werke von großer Qualität. Kuratiert wurde die internationale Gruppenausstellung vom Künstler Georgi Begun und dem Berliner Kurator Dr. Rolf Külz-Mackenzie.

Der auch in der deutschen Sprache gebräuchliche Begriff Border steht für eine Bandbreite von Begrifflichkeiten ohne wirkliche Begrenzung und spielt in seinen deutschen Synonymen - Rand, Grenze, Rahmen - in unserer Wahrnehmung eine Rolle. Das angelsächsische Border steht für all dieses und für weitere Zusammenhänge aus der Psychologie (Borderline Syndrom), der Ökonomie (Cross border leasing) oder der Politik (State Border). Wir leben in einer Zeit der Grenzenlosigkeit, der Entgrenzung, der Grenzüberschreitung, der Randexistenzen oder der Rahmenlosigkeit. Wir stossen an die Grenzen der Wahrnehmung, leben in unsichtbaren Grenzen, fallen aus dem Rahmen, oder stehen am Rande des Abgrundes.

Die US-Videokünstlerin Nicole Cohen über Borders von Zeit und Raum


In der Videoinstallation Jet lag von Nicole Cohen wird der Betrachter mit vielfachen Facetten des Begriffs Border konfrontiert: Die Rahmen der zwei Projektionsflächen, zwei kleine Bilder von Räumlichkeiten - hier von Flugzeuginterieurs - und die Überschreitung dieser materiellen Grenze, die hier durch auf die Fläche projizierte, animierte Menschen aufgehoben wird, indem sie von einer Fläche zur anderen wandern und kurzzeitig im Zwischenraum - der Wand - verschwinden. Der Fakt der Eingrenzung im geschlossenen, fliegenden Raum, das Flugzeug: Die besondere Situation des Fliegens, in der Grenzen virtuell erscheinen, Zeitzonen sich überlappen oder für den Passagier in der Luft wahrnehmlich aufgehoben werden. Der Titel Jet lag, spielt auf das physische Resultat der Zeitgrenzenüberschreitungen an.

[caption id="attachment_1667" align="alignleft" width="300" caption="Jet lag von Nicole Cohen, Borders © K. Hermann"]Jet lag von Nicole Cohen, Border©K.Hermann[/caption]

Nicole Cohen wollte das Thema Abflug/Abfahrt und Ankunft bearbeiten, diesen Zustand zwischen zwei Momenten, bei dem man in Abwesenheit und Desorientierung schweben kann. Dieser Moment, in dem man die Erinnerung an einen Raum in den nächsten Raum mitnimmt und eine Überlappung stattfindet, die auch eine Art Konfusion hervorrufen kann.

Die amerikanische Künstlerin befasst sich seit Jahren in ihren Videoarbeiten mit Räumlichkeiten, Innenausstattungen und Mobiliar. Meistens sind sie historisch aus anderen Zeiten und werden durch animierte, projizierte Personen aus der Gegenwart in einen neuen dynamischen Kontext gesetzt. Sie clashen aufeinander durch die Überlappung der immobilen Projektionsfläche, das Bild eines Interieurs und der animierten, den Proprtionen des Interieurs angepassten Videoprojektion.

Bei der Künstlerin ruft der Begriff Border Multiples hervor: The edge (Borte, Flanke, Grenze, Kante, Rand, Schneide, Umrandung...), eine spezifische Linie, die zwei Seiten trennt. Auf der einen Seite befinden sich Dinge, die in einer bestimmten Weise vorgeschrieben sind, und auf der anderen Erwartungen. Eine dünne Linie zwischen zwei verschiedenen Codes oder Arten des Wirkens. Für die Performances in Cohens Videoarbeiten agieren Personen in bestimmten Räumlichkeiten. Es gibt eine starke unsichtbare Grenze zwischen den Akteuren und ihr, der Regisseurin. Die Idee der psychologischen Grenze zwischen verschiedenen Räumlichkeiten sowie Epochen ist in ihren Arbeiten ein Leitfaden.

Nicole Cohen lebt und arbeitet seit 2008 in Berlin, reist für Aufträge oft in die USA und lebt mit dem jet lag, der bei der Ankunft in Berlin anscheinend immer heftiger ist. Sie nennt diesen Zustand auch einen «Kick», einen «Lichtkick», denn man muss das Tageslicht konfrontieren, obwohl der Körper auf Nacht eingestellt ist, und in diesem Zustand erfährt man körperliche Grenzzustände.

Künstlerische Auseinandersetzungen mit Borders


[caption id="attachment_1669" align="alignleft" width="225" caption="Trespassing von Georgi Begun, Borders © K. Hermann"]Trespassing von Georgi Begun, Border©K.Hermann[/caption]

In Unser Garten erforscht der polnische Künstler Roland Schefferski die Grenze zwischen heimisch und exotisch anhand des Gartenbeispiels. Ergebnisse der Tauchgänge in die Tiefe des Unbewussten, Resultate des Projektes ORA des Italieners Ugo Dossi und Hara Walther in Berlin werden hier zum ersten Mal gezeigt: Ab 2008 galt es als Zentrum und Entfaltungsraum für sensitive Begabungen, in dem sie Zugang zur Kreativität des Unbewussten finden und entwickeln können. Als Werkzeug wird hierfür das Phänomen des sogenannten Automatischen Zeichnens eingesetzt, mit dem unbewusste Inhalte unmittelbar, gleichsam automatisch zum Ausdruck gebracht werden können. So entstanden eine große Anzahl von ORAcles, automatische Zeichnungen mit verblüffenden Inhalten, die auf das Wirken einer transpersönlichen Intelligenz hinweisen, an der Grenze zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein...

Der Schweizer Urs Jeaggi appelliert mit seiner Rauminstallation Kampfplatz 2009 an die politische und soziale Dimension des Begriffs Border und stellt erhebliche Fragen an unsere Gesellschaft. Der Kanadier Don Ritter verblüfft mit einer interaktiven Videoinstallation Vox populi, bei der der Besucher historische Reden vor einem projiziertes Publikum halten kann, das prompt auf den Redner reagiert. Der Mazedonier Jovan Balov regt mit seiner Installation aus Video und Leinwänden Net Total zur Reflektion über geopolitische Grenzverschiebungen an.

Der russische Künstler Georgi Begun überrascht mit drei Installationen, in denen er die menschliche Figur in einem Video-Triptychon porträtiert, in Fotoarbeiten durch Gitter eingrenzt, oder mit drei im Fußboden integrierten Bildschirmen am Eingang der Ausstellung. In dieser interaktiven Installation Trespassing tritt der Besucher dem Künstler ins Gesicht, welches sich vor Schmerz verzerrt. Das Künstlerpaar Beatrijs Albers und Reggi Timmermans aus Belgien zeigen neben den vielen Videos in der Ausstellung eine Installation mit Materie, hier Textil: Taschentücher und ausgeschnittene Blazertaschen, in Schnörkelschrift mit Beautiful Borders bestickt, spielen auf den sinnlichen Aspekt des Begriffs Rand an. Die Thematisierung der damaligen Grenze in Berlin sollte bei Borders nicht fehlen. Jan Peter E.R. Sonntag zeigt hier Wall, eine Installation im Bereich der diskursiven Medienkunst. Fünf Jahre nach dem Mauerfall installierte er 100 Sinustöner auf dem brachen Feld des Postdamer Platzes bis hin zur damaligen Ausstellung Fall Wall Fall im Gropius-Bau. 20 Jahre nach dem Mauerfall bezieht er sich bei Borders wieder auf diese Intervention und metrisiert den Raum mit einer großen, weißen Leinwand-ein pulsendes Klangfeld-und setzt eine unsichtbare Linieatur.

Der Berliner Kunstverein ConcentArt e.V. schafft es, die Vielfältigkeit des Begriffs Border anhand der Mannigfaltigkeit der 17 Werke zu umschreiben und kündigt schon die nächsten vielversprechenden Ausstellungen für das Jahr 2009 auf seiner Interseite an: Strictly Berlin und Luxury.

15/05/2009

„Vielfalt!“ Eine Mitmach-Ausstellung zur Toleranz im Schloss Britz

Schloss Britz im Süden Berlins wird in Neukölln gerne als die Perle des Bezirks genannt und ist als Kulturstiftung bekannt für ein wechselhaftes, buntes Programm im Bereich Musik, Kunst und familienfreundlichen Events.

[caption id="attachment_1504" align="alignleft" width="225" caption="Schloss Britz, Parkseite, © Katia Hermann"]Schloss Britz, Parkseite[/caption]Nach der erfolgreichen Hundertwasser-Ausstellung im Frühjahr letzten Jahres, die das grafische Werk des Wieners präsentierte, folgte eine thematische Ausstellung zum Thema Kunstfälschungen mit Werken von Picasso, Dali, Chagall und anderen bekannten Künstlern des 20. Jahrhunderts neben Fälschungen aus dem Archiv des Landeskriminalamts.

Seit dem 6.Mai 2009 widmet sich die Stiftung einer Wanderausstellung für Kinder: die von Pädagogen, Künstlern, Designern und Kindern des Vereins Mit allen Sinnen lernen e.V. gestalteten Schau „Vielfalt!“, eine Mitmach-Ausstellung zur Toleranz. Sie soll zur Förderung der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung von Anderen beitragen. Unterstützt wurde das Projekt durch die Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin und spricht Kitas, Schulen und Eltern an, den Kindern diese Schau zu zeigen.

Im rechten Flügel des Schlosses aus dem 18. Jahrhundert sowie in Räumlichkeiten auf dem historischen Gutshof mit neuer Tierhaltung, finden reflexive, kreative und humorvolle Mitmach-Aktionen für Kinder von 2 bis 12 Jahren statt. Sie fordern auf, den Wert der Verschiedenheit der Menschen und der Unterschiedlichkeiten in der Natur und in den Dingen zu erforschen. Zur Schulung der Sinne gibt es Kuscheliges und Kratziges anzufassen oder unsichtbare Hände zu ertasten. Eine lustige, originelle sowie reichhaltige Unterhaltung für jung und alt.

Die Gefühle anderer richtig zu deuten, ist gar nicht so einfach. Mit dem Gefühle-Dreh-Puzzle können die Kinder ausprobieren, wie sich Augen, Mund und Nase verändern, wenn jemand ängstlich oder ärgerlich ist. Welches Kind kennt nicht die Situation, dass es nicht mitspielen darf? Verschiedene Möglichkeiten, wie man auf Ausgrenzung reagieren kann, spielen die Kinder anhand von Fotogeschichten durch.

[caption id="attachment_1503" align="alignleft" width="300" caption="Ausstellungsbau Vielfalt"]Ausstellungsbau Vielfalt[/caption]Der Abschnitt „Vielfalt der Entwicklung“ zeigt, dass jeder Mensch anders ist und ein Recht auf eine Entwicklung hat, die seiner Persönlichkeit entspricht. Hier können kleine Kinder Reißverschluss-Zumachen oder Klettern üben und ihre Eltern erfahren, warum es so wichtig ist, Kindern Zeit dabei zu lassen. Im Kindergarten-Modellraum finden sich auch zahlreiche Anregungen für Erzieher, Erzieherinnen und Eltern.

07/05/2009

Verbot: „Our body-à corps ouvert“ in Paris musste räumen

Das gerichtliche Gerangel um die Plastinationsausstellung „Our body - à corps ouvert“ endete am 21. April 2009 in Paris mit einem Schnellgerichtsurteil. Das Pariser Landsgericht verbot die heftig umstrittene Schau. Doch die Firma „Encore Events“ legte Berufung ein und erklärte, es gäbe circa 20 anatomische Ausstellungen dieser Art, die in der Welt wandern und nicht verboten werden. Die Entscheidung des Appelationsgerichtshofes fiel nur 9 Tage später: das Verbot bleibt. Die Ausstellung musste geräumt werden, ihr Verbot ist ein seltener Fall in Frankreich.

[caption id="attachment_1353" align="alignleft" width="200" caption="Ausstellungsansicht"]Ausstellungsansicht "Our body-à corps ouvert" in Paris vor dem Verbot[/caption]„Die durch das Gesetz zugewiesene Ruhestätte einer Leiche ist der Friedhof“, hatte der Richter des Pariser Schnellgerichtshofs betont. Er ließ die Ausstellung schließen, die in 24 Stunden geräumt werden musste und die Exponate, d.h. die Körper der Ausstellung, beschlagnahmen, so lange, bis eine Lösung konform mit dem Beisetzungsrecht durch die französischen Behörden gefunden wird.

Die präparierten Leichen, die in der Pariser Ausstellung gezeigt wurden, gehören laut Aussteller der Stiftung „Anatomical Sciences and Technologie“ in Hong Kong, die sie legal gespendet haben soll. Die Spender oder die Angehörigen sollen zur Körperspende eingewilligt haben. Der Ausstellungsorganisator, die Firma „Encore Events“, hatte eine Konvention mit dieser Stiftung unterzeichnet. Doch diese beweist nicht die Einwilligung der Verstorbenen, sagte der Anwalt der zwei klagenden Verbände "Solidarité Chine" und "Ensemble contre la peine de mort".

„In China gibt es einen illegalen, verbreiteten Handel mit Leichen, Körperteilen und Organen“ fügte der Anwalt hinzu, das simple Papier einer chinesischen Stiftung ohne Sitz oder Telefonnummer reiche als Beweis nicht aus. Die Stiftung „Anatomical Sciences and Technologie“ sei zudem im medizinischen Kreise unbekannt.

Einer der Anwälte der angeklagten Firma behauptet, die Entscheidung des Richters müsse dann auch dazu führen jegliche Ausstellung zu schließen, die Mumien oder Fötusse in Gläsern zeigt. Ganze Räume des Pariser Musée de l´Homme wären dann betroffen und müssten schließen. Oder, fügte der Geschäftsführer der Firma Pascal Bernardin hinzu, die Ecorchés des Anatomisten Honoré Fragonard im Museum der Tierarztschule in Maisons-Alfort. Der Museumsdirektor in Maisons-Alfort äußerte darauf: „Diese Körper, die Ecorchés des 18. Jahrhunderts, spiegeln einen Moment der anatomischen Wissenschaftsgeschichte wieder. Die Körper stammten aus Hospizen, sie wurden für die Lehre hergestellt. Die ethische Abweichung ist radikal“.

In seinem Urteil hatte der Richter erwogen, dass die Leichen-Ausstellung dem Respekt des menschlichen Körpers schade. Die Inszenierung der zerschnittenen Leichen, teilweise gefärbt oder in bestimmten Positionen dargestellt sei eine Verletzung des Anstands. Er berief sich auf ein Gesetz von Dezember 2008, indem die Rechte für den Schutz des Menschen auch für die von Leichen gültig gemacht wurden. Der Staatanwalt sagte, das Gesetz verbiete Konventionen die Körperhandel beinhalten. Die Kommerzia-lisierung sei eine offensichtliche Verletzung des Respekts der Toten. Der private Besitz von Leichen ist verboten. Jeder Tote hat Anrecht auf eine Bestattung, außer wenn medizinische Gründe vorliegen.

Bis zu 120 000 Besucher sahen die Pariser Ausstellung. Sie sollte bis Mai andauern und weiterwandern. Vor Paris war sie in Frankreich in Marseille und Lyon zu sehen. Doch die französische Justiz machte nun einen Strich durch die Rechnung.

Diese Art von „Leichen-Ausstellungen“ touren weltweit friedlich weiter, wie die von dem Erfinder des Plastinationsverfahren Gunther van Hagen, die ab 7. Mai in Berlin zu sehen ist. Das Thema und der Titel dieser 2. Ausgabe in Berlin: Körperwelten & der Zyklus des Lebens. Ausgerechnet das Leben wird mit Toten inszeniert. Die vieldiskutierte Leicheninszenierung hatte vor 8 Jahren in Berlin bis zu 1,43 Millionen Besucher angelockt und wurde bis jetzt nie verboten. Das erste Verbot dieser Art präparierter Leichen-Ausstellungen deklariert das Land der kulturellen Toleranz und der Menschenrechte.

23/04/2009

Der Einzelgänger Otto Mueller in der Galerie Nierendorf

Die am Freitag startende Ausstellung in der Galerie Nierendorf zeigt einen Querschnitt des Gesamtwerkes des bekannten deutschen Künstlers Otto Mueller (1874-1930). Seit 1920 vertritt die renommierte Galerie im Westen Berlins den Einzelgänger unter den Brücke-Künstlern (zu sehen vom 24. April - 9. Oktober 2009).

Das erste Mal zeigte die Galerie Nierendorf 1927 Farblithografien des Künstlers, nur einige Blätter aus der Zigeuner-Serie. Seit dem Neubeginn der Galerie 1955 ist das Werk Otto Muellers ein zentrales Anliegen der Tätigkeiten des Galeristen Florian Karsch. Als leidenschaftlicher Sammler der Grafik publizierte er 1974 das grafische Gesamtwerk des Künstlers als Ausstellungskatalog zu Muellers 100. Geburtstag, ein wichtiges Nachschlagewerk zu Otto Muellers Schaffen. Seit 1957 gab es sieben Einzelausstellung des Künstlers in der Galerie Nierendorf. Dies ist nun die 8. „Ausgabe“.

14/04/2009

Vielbeachtung für Graffiti-Ausstellung in Paris

„Tag“ - Ausstellung vom 27. März bis 26. April 2009 im Grand Palais, Paris

Die einmalige private Sammlung des Architekten Gallizia umfasst 300 Arbeiten von 150 Graffiti-Künstlern aus drei Generationen, aus aller Welt und versucht die Stilgeschichte des Graffitis zu erfassen. Die Sammlung wird nur einen Monat lang in einem der renommiertesten Ausstellungsorte in Paris gezeigt: in einem Seitenflügel des Grand Palais.

[caption id="attachment_1094" align="alignleft" width="247" caption="Katalog zur Ausstellung © K. Hermann"]Katalog zur Ausstellung © K. Hermann[/caption]

Graffiti erscheinen in einer Vielzahl von Ausprägungsformen. Bei den in Paris ausgestellten Werken handelt es sich um Auftragsarbeiten auf Leinwand. Die Größe der Leinwände und das Thema wurden von dem Architekten Alain-Dominique Gallizia, Liebhaber der Graffitikunst und Initiator des Projektes vorgeschrieben. Auf 60 x 180 cm durften sich die sogenannten internationalen Writer zum Thema und zum Wort Love austoben, wenn möglich in Gallizias Banlieue-Atelier in Boulogne-Billancourt bei Paris.

Durch die thematische Vorgabe sowie die definierte Fläche wurde den auserwählten Künstlern Schranken gesetzt, die sie im Ausüben ihrer Kunst selten erleben. Der Writer musste hier auf kleiner Fläche seinen eigenen Stil klar definieren und seine „Handschrift“ deutlich erkennbar machen. Die Leinwand ist unten links durch das Signaturkürzel oder Pseudonym, das „Tag“ signiert und das eindeutig den Autor identifiziert. Daher vielleicht auch der Titel der Ausstellung, der zur Konfusion führt: Tag und nicht Graffiti. Tag steht hier sicherlich nicht für den falsch angewendeten Allgemeinbegriff für Graffiti, sondern für die Signatur der Autoren, die hier geehrt werden sollen. Durch die Ansammlung der Werke entsteht ein Panorama verschiedener Stile und Techniken, die Künstler aus verschiedenen Ländern und Kulturen auf der Leinwand „verewigen“.

Denn das war auch das Anliegen des Initiators: Die Sammlung soll durch die Auswahl der renommiertesten Graffiti-Künstler einen Überblick, ein verständliches Bild der Graffiti-Bewegung geben. Es ist ein historisches Dokument dieser weltweiten kulturellen Bewegung, die eine der vier Elemente der Hip Hop Bewegung darstellt, denn schließlich begleiten Writer DJs, B Boys und MC´s. Von den old school Veteranen der New Yorker subway, die erste Welle europäischer Graffitikünstler bis hin zu den jüngsten Innovatoren des Genre, sind drei Generationen vertreten. Die Sammlung soll sich weiterhin für neue, aufkommende Talente öffnen.

[caption id="attachment_1096" align="alignleft" width="315" caption="Paris (Cantwo Darco) 1994©ADAGP, Darco, Paris - All rights reserved"]Paris (Cantwo Darco) 1994©ADAGP, Darco, Paris - All rights reserved[/caption]

Darco, ein deutsch-französischer Writer aus Paris, ist auch unter den Auserwählten. Seit 1984 sprüht er in und bei Paris, seit langem bekannt für seine rigorosen Schriftzüge und Buchstaben. Er ist mit seiner Gruppe FBI einer der Ersten in Frankreich, die sich um den Künstlerstatus von früh an bemühten. Heute ist er ein international anerkannter Pionier. Er sprüht im öffentlichen Raum sowie auf Leinwände, und dies schon von Anfang an. Er entwirft Bühnenbilder, Schmuck, Accessoires und Textilien und lebt von Auftragsarbeiten.

Darco wurde vor zwei Jahren von einem Mitarbeiter Gallizias kontaktiert, um ein existierendes Werk zu kaufen. Dann kam der Auftrag für die Sammlung und er schuf im Atelier von Gallizia sein Werk auf der bereitgestellten Leinwand, die er als Hochformat entwarf und in der Ausstellung als Querformat unter den weiteren querformatigen Exponaten hängt.

[caption id="attachment_1095" align="alignleft" width="300" caption="Bookcover © ADAGP, DARCO, Paris"]Bookcover © ADAGP, DARCO, Paris[/caption]

Für Darco war das Anliegen zwiespältig. Anfangs hieß, nur die Sprühtechnik solle benutzt werden. Dann wurden aber auch Mischtechniken von anderen Künstlern angewandt und akzepziert. Darco denkt, es wäre interessanter gewesen, strengere Vorgaben zu machen: Nur sprühen, also nur mit Sprühdosen und nur mit einer bestimmten Anzahl von Farben.

Seine Motivation an diesem Projekt teilzunehmen lag darin, mit der Ausstellung ein breites Publikum in dem Prestige-Rahmen des Grand Palais erreichen zu wollen. Natürlich findet er das Projekt als solches gut, denn es wird über die Bewegung gesprochen und erhält Aufsehen. Zur Frage ob der Querschnitt der Geschichte des Graffiti mit dieser Ausstellung gelungen ist, antwortet uns Darco in einem Gespräch: „Es ist eine grosse Palette vertreten, es ist aber nur eine Facette, denn einige wichtigen Künstler fehlen, weil sie vielleicht unauffindbar waren oder nicht teilnehmen wollten. Es ist auch unmöglich, mehr als 40 Jahre Graffiti-Geschichte anhand von 300 Werken auf Leinwand von 150 Künstlern zu erzählen. Die Gestaltung der Ausstellung ist auch nicht wirklich gelungen, sie wurde von jemandem kuratiert, der außerhalb der Bewegung steht. Sie ist ein Patchwork, indem die einzelnen Werke leider untergehen.“

[caption id="attachment_1097" align="alignleft" width="300" caption="Berliner Mauer (Odem Darco Bomber Loomit) 1993© ADAGP, DARCO, Paris"]Berliner Mauer (Odem Darco Bomber Loomit) 1993© ADAGP, DARCO, Paris[/caption]

Die Ausstellung verliert durch den länglichen Saal und das dichte Hängen der gleichformatigen Leinwände bedauerlicherweise an Qualität. Den Katalog zur Ausstellung sollte man dennoch loben, denn er ist und wird auch eines der wichtigsten Nachschlagewerke dieses Genre der street art.

Die Ausstellung soll in die wichtigsten Museen der Welt wandern. Vielleicht wird sie in Zukunft in Berlin zu sehen sein, wenn ein Museum den Mut hat sich so wie der Grand Palais dem heiß diskutierten Thema mit der Frage zu stellen, ob Graffiti Kunst sei. Die Besucher schreckt die umstrittene wie vieldiskutierte Ausstellung nicht ab, sie kommen zahlreich.

06/04/2009

"Our body - à corps ouvert", umstrittene Ausstellung in Paris

Seit Februar ist die Ausstellung „Our body – à corps ouvert“ an einem neu eröffneten Ausstellungsort von circa 1200 m2, dem Espace 12 Madeleine, mitten in Paris zu sehen. Ähnlich der „Körperwelten-Ausstellung“, die in vielen Ländern der Welt mit über 30 Millionen Besuchern für Schlagzeilen sorgte und momentan in Heidelberg zu sehen ist, ist diese bis 10. Mai andauernde Schau in Paris höchst umstritten, um die ein gerichtliches Gerangel begonnen hat.

[caption id="attachment_1061" align="alignleft" width="200" caption="Ausstellungsansicht © Our body-à corps ouvert"]Ausstellungsansicht © Our body-à corps ouvert[/caption]Der durch die erste sensationelle Ausstellung dieser Art bekannte Name Gunther von Hagens, Erfinder des Plastinationsverfahren in den 80er Jahren und Initiator der "Körperwelten" wird hier in der Pariser Ausstellung nirgendwo erwähnt, es scheint sich um eine Nachahmer-Ausstellung zu handeln, auf die das Institut für Plastination bei Heidelberg auf ihrer Internetseite hinweist und sich auch distanziert.

Pariser Museen wie das Musée de l´homme oder die Cité des Sciences wollten diese Ausstellung aus ethischen Gründen nicht haben. So fand sich ein privates Unternehmen für das Projekt. Der Organisator der Pariser Ausstellung, Pascal Bernardin, Direktor der Firma Encore Events, entdeckte die Ausstellung 2004 in den USA und brachte sie nach Frankreich. Er lobt die pädagogische Angehensweise dieser für ihn wissenschaftlich wichtigen Ausstellung, sowie die hohe Qualität der Präsentation. Nach Lyon und Marseille ist sie nun endlich in der Hauptstadt angekommen.„Our Body – à corps ouvert“ soll den Besuchern neues Wissen über Anatomie und Körperfunktionen geben und sie lehren, ihre Gesundheit wieder mehr zu schätzen. Sie soll im Rahmen der „Grande cause nationale 2009“ (Großer nationaler Anlass 2009) für die Organspende werben und ab Juni in den Parc Floral in Vincennes bei Paris wandern.

Die 17 ausgestellten Ganzkörper-Plastinate oder Teile stammen angeblich aus China. Sie wurden in Positionen verewigt, die einen Teil von Franzosen schocken: als Bogenschießer, Basketball- oder Schachspieler. In theatralischem Licht, auf Podesten oder in Vitrinen werden sie wie kostbare Museumsstücke zur Geltung gebracht. Für viele einfach nur makaber, trotz anatomischem Interesse, Texttafeln und Erklärungen.

[caption id="attachment_1062" align="alignleft" width="200" caption="Ausstellungsansicht © Our body-à corps ouvert"]Ausstellungsansicht © Our body-à corps ouvert[/caption]Nach dem Organisator zu urteilen, stammen die Körper von der Stiftung Anatomical Sciences and Technology in Hong Kong, die Plastinate herstellen und mit sämtlichen Zertifikaten geliehen wurden. Doch für viele ist die Herkunft chinesischer Körper mysteriös.

Nun haben zwei Verbände für die Verteidigung der Menschenrechte geklagt: Wird der Respekt des menschlichen Körpers, der nicht mit dem Tod endet, wie es im französischen Bürgerlichen Gesetzbuch (Code civil 16-1) steht, hier eingehalten? Der Verein „Gemeinsam gegen die Todesstrafe und Solidarität mit China“ behauptet, dass es kaum Organspender in China gibt. Die Angehörigen der Verstorbenen haben wohl kaum ihr Einverständnis gegeben. Vielleicht handelt es sich bei den Körpern um ermordete Chinesen. Noch heute werden jährlich bis zu 6 000 Menschen in China zur Todesstrafe verurteilt und hingerichtet und deren Körper nicht den Angehörigen zurückgegeben werden.

Die Ankläger wollen die Ausstellung verboten sehen. Denn mit über 15 € Eintritt, klagen sie, handele es, abgesehen von der umstrittenen Frage der Herkunft der Körper, um ein kommerzielles Event, welches als „künstlerisch und pädagogisch“ gelten soll und in den Augen vieler Kritiker keinen wissenschaftlichen Charakter hat.

Am 9. April soll das Urteil gesprochen werden. Im Land der Menschenrechte wird es mit Spannung erwartet.