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22/01/2010

2. Ausgabe Berlin-Paris: Ein Beispiel für deutsch-französischen Kunst- und Kultur-Austausch

14 Pariser Galerien sind bis 23. Januar - einige auch etwas länger - in Berliner Galerien zu Gast, später werden sich 13 Berliner Galerien vom 29. Januar bis 6. Februar in Pariser Galerien präsentieren. Die erste Ausgabe von "Berlin-Paris“ im Jahre 2009 ist als großer Erfolg begeistert begrüßt worden, so dass sich die meisten Teilnehmer eine Fortsetzung wünschten und viele neue Anfragen kamen.

imageDas öffentlich-private Projekt wurde von dem französischen Botschafter in Berlin, Bernard de Montferrand, initiiert, genauer noch: von dem Kunstreferenten Cédric Aurelle, der dynamisch und leidenschaftlich den deutsch-französischen Kulturaustausch vorantreibt.

Die Galerien entscheiden selbst, wen sie einladen und welche Ausstellung gezeigt wird, die Kosten tragen sie ebenfalls selbst. Es werden viele junge Künstler gezeigt, aber auch Werke bekannter Maler der Moderne wie Picabia von der Pariser Galerie 1900-2000 bei Mehdi Chouakri. Der Berliner Galerist sieht in der deutschen Hauptstadt ein Defizit an Galerien, die modern-klassische Kunst zeigen und bietet somit eine museale Ausstellung in seinen Räumlichkeiten an. Die Pariser Galerie Nathalia Obadia stellt Kunst in der Berliner Galerie Esther Schipper aus und die Galerie Carlos Cardenas präsentiert z. B. Werke von Clément Rodzielski bei Chert in Kreuzberg.

[caption id="attachment_3428" align="alignleft" width="336" caption="Detailansicht Clément Rodzielski, Untitled (pour les pauvres), 2009, colored markers on 12 offset posters, 60 x 78 cm © C. Rodzielski"]Detailansicht: Clément Rodzielski, Untitled (pour les pauvres), 2009, coloures markers on 12 offset posters, 60 x 78 cm © C. Rodzielski[/caption]

Zur Eröffnung in Berlin reisten nicht nur Galeristen, private Sammler und Kunstschaffende an, sondern auch gleich mehrere Freundeskreise von Museen, die auch als Sammlergruppen gelten: vom Musée d'Art Moderne, von dem Verein ADIAF (Schirmherr des Marcel-Duchamp-Preises), von der jungen Stiftung La Fondation La Maison Rouge und aus Deutschland vom Museum Ludwig aus Köln. Das Interesse scheint groß.

In den letzten Jahren hat sich im musealen Paris einiges getan für die zeitgenössische Kunst, neue Institutionen, wie z. B. die Stiftung La Maison Rouge und neue Galerien sind entstanden und ziehen internationale Aufmerksamkeit auf sich. Das Medieninteresse in der Seine-Metropole ist enorm.

Berlin zieht Franzosen an, ob Touristen oder „Neuberliner“, man hört in den letzten fünf Jahren immer häufiger französisch auf den Straßen. Junge Unternehmer öffnen Cafés und Restaurants. Ohnehin beherbergt Berlin eine der größten französische Auslandsgemeinden. Viele Künstler und Kulturschaffende siedeln sich in der deutschen Hauptstadt an, weil diese eine Infrastruktur und ein Ambiente zum kreativen Schaffen bietet wie wenig andere Großstädte.

Die französische Botschaft unterstützt mit dieser kulturellen Aktion daher nicht nur den deutsch-französischen Austausch, sondern auch den Kunstmarkt und somit auch junge Künstler.

Botschafter de Montferrand äußert sich in einem Artikel von Le Monde am 18.01.2010 besonders positiv gegenüber den Künstlern: “Ich habe schon immer geglaubt, dass die zeitgenössische Kunst einer der Schlüssel ist, um die Welt von heute zu verstehen. Es ist für mich, als Botschafter, eine Art mein Netzwerk vielfältiger zu gestalten. Wenn Sie in einem Land leben, haben Sie natürliche Ansprechpartner, politische, wirtschaftliche, aber die Künstler öffnen Ihnen ein ganz anderes Universum, werfen ein neues Licht und ermöglichen Ihnen in die lokale Realität einzutauchen.“

[caption id="attachment_3429" align="aligncenter" width="508" caption="Still aus "Crazy Berlin" von Estelle Beauvais, 2009 © E. Beauvais"]Still aus Crazy Berlin von Estelle Beauvais, 2009 © E. Beauvais[/caption]

Die lokale Realität hat in Berlin verschiedene Gesichter. Es muss extrem viele alternative Wege in der Kunst geben, um in Berlin und auch woanders existieren zu können. Einen dieser Wege ist z. B. das Projekt „Printemps des Poètes Berlin 09“ gegangen, ein aus Frankreich zum ersten Mal 2009 nach Berlin importiertes Poesie-Festival. Oder die junge französische Dokumentarkünstlerin Estelle Beauvais mit dem „Dasein Projekt“: Kulturschaffende und Künstler werden in Paris und Berlin auf intime Weise in ihren poetischen Filmen gezeigt und vernetzt durch gemeinsame Projekte. Ein vielversprechendes Konzept und Talent, das nicht im Namen einer Institution steht. Filmprojekte, die sich alternativ und frei entwickelt haben allein durch die Motivation der Beteiligten. Um nun wachsen zu können sind sie auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Man könnte sich noch viele dieser Brücken zwischen Paris und Berlin vorstellen; nicht nur mehr und vielfältige Projekte zwischen Institutionen, Museen, Vereinen, Schulen usw.  Anstatt auf Initiativen von Institutionen und Antworten für öffentliche Subventionen, die jährlich schrumpfen, zu warten, wäre es schön, das Engagement von privaten Mäzenen und Firmen für mehr Brückenprojekte Berlin-Paris/Paris-Berlin von privaten, jungen Initiatoren zu gewinnen, um das gemeinsame Kunstschaffen und die deutsch-französische Freundschaft zu pflegen.

11/01/2010

Business Class in Paris: US-Künstlerin Nicole Cohen zeigt neue Arbeiten

Nach der Ausstellung „Rap Rococo“ 2007 präsentiert die amerikanische in Berlin lebende Künstlerin Nicole Cohen nun „Business Class“ in der Galerie La B.A.N.K in Paris bis 13. Februar 2010. Für diese zweite Ausstellung in ihrer Pariser Galerie erforscht Nicole Cohen den Begriff der funktionellen Psychologie und die Bestimmung einer Ästhetik des Selbst durch die Konzeptualisierung und die Formalisierung des Erscheinens.

"Plakat zur Ausstellung"]Plakat zur Ausstellung

In der Galerie La B.A.N.K. sind circa 30 Collagen und ein Video wie eine Filmmontage in den Räumlichkeiten von der Künstlerin gestaltet worden. Die Subjekte der Bilder, Frauen und Männer aus den 50er Jahren, interagieren durch ihren Blick und ihre Posen miteinander und untereinander und schaffen eine fassbare Kinematik, die Erzählung und die phänomenologische Erfahrung beschreibt. Der Effekt wird durch die von der Künstlerin geschriebene und auserwählte Wandtexte unterstrichen. Die für die Collagen benutzten Bilder sind Werbungen aus Magazinen längst vergangener Jahre. Die Personen, gezeichnete Modelle - glamouröse und elegante Geschäftsleute, wie man sie aus klassischen Hollywoodfilmen der 50er kennt - werden in einen raumzeitlichen Rahmen, ins Heute „teleportiert“. Das schwarze gitterartige Papier, das die Künstlerin über die Modelle angebracht hat, umrahmt die Figuren und verschleiert auf eine Art die Lektüre der Werke und den Übergang der Vergangenheit in die Gegenwart.

Ausstellungsansicht Business Class © N. Cohen"      Ausstellungsansicht Business Class © nicole cohen

Das aktuelle Video von Nicole Cohen verfolgt die systemische Interpretation des „in between“. Aus einem Tunnel oder von einer Straße aus in der Nacht gefilmt, flitzen die glitzernden Lichter von Straßenlaternen wie funkelnde Diamanten an uns vorbei, wie der Widerschein der fulminanten Bestimmung und Vorwegnahme, die die Geschäftswelt, die Business Class, scheinbar inspiriert.

Die Künstlerin sieht in ihrer Abstraktion den Erfolg, die grandiosen Ziele und auch die vorübergehenden Ängste in dieser Geschäftwelt. Der Titel „Yard“ eines der Werke bezeichnet in der amerikanischen Umgangssprache eine Milliarde Dollar, eine Summe, die nur für Auserwählte bestimmt ist. 

Nicole Cohen, You can do it, 2009, Collage, 20 x 29 cm © N.Cohen"Nicole Cohen, You can do it, 2009, Collage, 20 x 29 cm © N.Cohen 
Nicole Cohen, Jetlag, Videostill, 2008 © N. Cohen"
Nicole Cohen, Jetlag, Videostill, 2008 © nicole cohen

Nicole Cohen, Jetlag, 2008, Videoinstallation © N.Cohen"Nicole Cohen, Jetlag, 2008, Videoinstallation©N.Cohen

Nicole Cohen arbeitet häufig mit einem Fundus von Bildern aus der Vergangenheit, ob aus Modemagazinen wie hier oder Magazinen für Innenarchitektur und Wohnausstattung. Für ihre Videoinstallationen verwendet sie bis heute meistens Interieurs aus der Vergangenheit, in denen sie gefilmte Menschen aus dem Heute in ein „vergangenes“ statisches Bild, ein kleines Foto eines Interieurs, mit einem Projektor in der angepassten Größe des Interieurs beamt. Die kleinen „echten“ Figuren tanzen und bewegen sich in „fiktiven“ Räumen.

In ihren aktuellen Werken arbeitet sie nun fast umgekehrt: die Menschen der Vergangenheit, hier gezeichnete, statische Modelle aus den 50er Jahren, werden in einem neuen Kontext, mit Text, in die Gegenwart „kontextualisiert“. Eine neue Weise zu arbeiten und eine klug konzipierte Einzelausstellung in der Galerie für zeitgenössische Kunst, La B.A.N.K, nicht weit vom Centre Georges Pompidou im Zentrum von Paris.

2010 wird ein fruchtbares Jahr: Nicole Cohen zeigt eine Soloshow in Los Angeles im Rio Hondo College und wird an mehreren Gruppenausstellungen teilnehmen. Zudem erhält sie ihren ersten Auftrag aus Budapest.

Nicole Cohen zählt schon einige große Ausstellungen in den USA: "French Connection" (2009), "40-Love" (2003) und "Fantasy Space & Crystal Ball : Dreamhouse" (2000) in der Shoshana Wayne Gallery in Kalifornien oder "How to Make Your Windows Beautiful" (2005) in der Galerie Stephen Stoyanov in New York. Sie war in Gruppenausstellungen in Deutschland, Japan, Norwegen, Südkorea und China vertreten.

point-of-view-talkDrei Einzelausstellungen fanden in Museen statt: "My Vie En Rose" (2003) im Williams College Museum of Art in Williamstown, Massachusetts, "Please Be Seated" (2007-2009), eine Videoinstallation, die im Auftrag des J. Paul Getty Museum in Los Angeles geschaffen wurde und die dritte findet erst im Januar 2011 statt: "Circles and Beamers" im Katzen Art Center Museum in Washington, D.C.

15/12/2009

Von L.A. nach Berlin: Marisa Mandler in der Galerie Wohnmaschine inBerlin

Die junge, aus L.A. stammende Künstlerin Marisa Mandler stellt noch bis zum 19. Dezember 2009 erstmals in einer Einzelausstellung mit dem Titel „Dear Orpheus“ in der Galerie Wohnmaschine aus. Art and Events-Autorin Katia Hermann hat Marisa Mandler zu einem Gespräch getroffen.

"Marisa Mandler, The Moment Between, 2009, Installation, circa 400 x 200 cm, Mixed Media © Galerie Wohnmaschine Berlin"
Marisa Mandler, The Moment Between, 2009, Installation, circa 400 x 200 cm, mixed media © galerie wohnmaschine berlin

Die Galerie präsentiert zwei Arbeiten, das Werk The Moment Between und February 26 von 2009. Es handelt sich beim ersten um eine menschengroße Installation im Raum, die aus mehreren dünnen Membranen und weißer Keramik angefertigt wurde. Diese lehnen an der Wand, biegen sich zu ihr mit einer Oberfläche, die hauchdünn, teilweise brüchig und lichtdurchlässig ist. Das Werk erweckt das Gefühl eines Schwebezustandes, fragil und verletzbar überrascht die Installation als standfest.

Die Künstlerin Marisa Mandler setzt sich hier mit einem ganz bestimmten Moment der mythologischen Geschichte von Orpheus auseinander: Der Augenblick kurz bevor Orpheus sich nach seiner Braut umschaut, in dem alles in der Schwebe, aber alles noch zu retten ist – ein Moment des Umbruchs, in dem ein erfülltes Leben oder auch der Beginn des Untergangs für Orpheus möglich sein wird. Dieser Spannung des Moments und dessen Energie, die in wenigen Sekunden enthalten sind, versucht Mandler durch ihr Werk The Moment Between auf eine poetische Art Gestalt zu geben.

"Marisa Mandler, February 26, 2009, Pen on Paper, 78 x 108 cm, Detail © Galerie Wohnmaschine Berlin"
marisa Mandler, February 26, 2009, pen on paper, 78 x 108 cm, detail © galerie wohnmaschine berlin

Für die Zeichnung February 26 hat die junge Künstlerin einen vollen Tag lang 26 Sekunden lange Tonsequenzen aus ihrem Alltag aufgenommen. Der Berliner Straßenlärm oder Gespräche der Kunden im Café wurden als Audiodatei mit Hilfe eines Musikprogramms in eine grafische Darstellung am Computer in Amplituden umgewandelt, anschließend auf Papier projiziert und in eine filigrane Tuschezeichnung durch Mandler umgesetzt. Die zarten Linien zeigen Variationen von Lärm und Stille, die Resonanz und Schwingungen von Ereignissen, die wie eine Aufnahme deren Intensität wirken. Wie für The Moment Between hat Marisa Mandler auch hier das Ereignis poetisch umsetzten können.

27/09/2009

Ulrike Bolenz zwischen Fotografie und Malerei auf der Berliner Liste2009

Die Kunstmesse Berliner Liste 2009 gilt als experimenteller Ort für junge Galerien und aktuelle Kunst. Dieses Jahr werden auf vier Etagen 60 Galerien aus 14 Ländern in einer entspannten Atmosphäre im Palais am Tiergarten vorgestellt. Im Focus steht die osteuropäische Kunstszene sowie Spanien, die Hälfte der ausstellenden Galerien stammen jedoch aus Deutschland, so auch die Marburger Galerie Michael W. Schmalfuss.

"Ulrike Bolenz, Zwei Kämpfende, 2009, 160 x 120 cm, Acrylfarbe, Ölfarbe, Print auf Holz ©ulrikebolenz"
Ulrike Bolenz, Zwei Kämpfende, 2009, 160 x 120 cm, Acrylfarbe, Ölfarbe, Print auf Holz

Bei Michael W. Schmalfuss werden Werke der deutschen, in Belgien lebenden Künstlerin Ulrike Bolenz präsentiert. 1958 geboren, studierte sie an der Hochschule für Bildende Künste in Kassel bei Professor Manfred Bluth und Professor Tom Gramse. Seit 1994 stellt sie mehrmals im Jahr an verschiedenen Orten in Europa aus und erhielt zahlreiche Preise. Sie ist nun zum ersten Mal auf einer Berliner Kunstmesse zu sehen.

Die Figur Mensch im Fokus

Ulrike Bolenz entwickelt seit Jahren eine einmalige Technik, die untrennbar von ihren Themen und Motiven wird. Ein fotografischen Moment - ein Videostill von einem Video - vom Menschen, ein Akt, Moment des Gestus wird zum Ausgangspunkt eines Werkes. Das Negativ wird teilweise bearbeitet. Der Abzug und die Vergrößerung in die Menschensgröße auf Plexiglas, Acrylfolien oder Platten ermöglichen ihr eine Arbeit mit Schichten, Überlappungen, ein Spiel mit Transparenz, Kontrast, Schatten und Licht. Die mit Pinsel aufgetragene Acrylfarbe akzentuiert Konturen, fügt Farbflächen hinzu und setzt eine „fassbare“ Materie auf den teilweise plastischen Hintergrund. Mit Kohle zeichnet Ulrike Bolenz Linien, erweitert oder verdoppelt die Figur Mensch. Das Ganze ergibt Figurationen, Bilder von Bildern, geschichtete, überlappte Silhouetten, Verwischungen, komplette oder Teil-Transparenzen, diffuses oder gespiegeltes Licht und ein neuer Raum entsteht.

"Ulrike Bolenz, In Bewegung, 2006, 100 x 200 cm, fotografische Technik, Acrylfarbe ©ulrikebolenz"]Ulrike Bolenz, In Bewegung, 2006, 100 x 200 cm, fotografische Technik, Acrylfarbe©ulrikebolenz

Der Mensch wird nackt ohne Zeichen oder Attribute dargestellt. Der Mensch pur als Frau oder Mann. Zeitlos, eigentlich ohne Individualität, in einer digitalen Struktur, ein Netz von Pinsel- und Kohlestrichen eingefangen. Ulrike Bolenz schafft es, das menschliche Bild - die Kreatur - in seiner Essenz zu erfassen. Fortschreitend trotz seiner Verletzbarkeit als „Versuchskaninchen oder Testperson“, wirkt er resistent und scheint zwischen Räumlichkeiten zu „schweben“. Der bekannte belgische Autor, Philosoph und Kurator Willem Elias erwähnt in seinem Buch "Aspects of Belgian art after 1945 Part II“ einen wichtigen Aspekt von Bolenz menschlicher Figur: „What is true is that Bolenz does not abuse the nude to make the erotic explicit. In any case, this fits her style, in which she tries to be as expressive as possible, without becoming expressionist.“

01/07/2009

elles@centrepompidou zeigt 1 Jahr nur Künstlerinnen

In der 4. Etage des Centre National d´Art et de Culture Georges Pompidou in Paris werden bis Ende Mai 2010 ein Jahr lang ausschließlich Werke von Künstlerinnen aus der Sammlung des Museums gezeigt. Bei elles@centrepompidou handelt es sich um 500 Werke von mehr als 200 internationalen Künstlerinnen, die in einem thematischen und chronologischen Parcours auf 8000 qm die Kunst von Frauen vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute erzählen.

Orlan, Baiser de l´artiste. Le distributeur automatique ou presque! n°2, 1977 © ADAGP, Paris, 2009"

Werke bekannter Künstlerinnen wie Sonia Delaunay, Frida Kahlo, Dorothea Tanning, Joan Mitchell, Maria-Elena da Silva bilden das historische Kapitel und hängen unmittelbar neben zeitgenössischen Arbeiten wie z. B. von Orlan, Niki de Saint Phalle, Sophie Calle, Annette Messager, Louise Bourgeois, Pipolitti Rist und vielen mehr.

Schon im Eingang wird die Intention dieses musealen Projektes angedeutet: um die Genres durcheinander zu bringen, hat Agnès Thurnauer bestimmte Namen des Berufes verweiblicht oder vermännlicht. Auf Portraits setzt die Künstlerin Namen wie Annie Warhol, Joséphine Beuys, Francine Bacon oder Louis Bourgeois.

Der Parcours erweckt ein passives Bewusstsein, der die Nichtexistenz einer weiblichen Kunst suggeriert.
In den Ausstellungsräumen kommen die Künstlerinnen selbst zu Wort, die teils ihre eigenen Werke anhand der Bildtexte kommentieren. Zitate von Autorinnen, Philosophinnen, Schriftstellerinnen und Historikerinnen verlaufen an den Wänden der Ausstellung. Einige der Künstlerinnen werden im Laufe des Jahres im Centre Pompidou anzutreffen sein.

Der thematische Parcours ist in sieben Kapitel aufgeteilt: Moderne (Pioniere), Historische (Feuer frei!), Physische (der Körper als Slogan), Exzentrische (exzentrische Abstraktion) , Häusliche (ein Zimmer für sich), Narrative (das Wort zum Werk) und Immaterielle (Anspielung auf eine große, bahnbrechende Ausstellung im Centre Pompidou mit dem Titel „Les Immatériaux“, hier die weibliche Form).

"Agnès Thurnauer, Portraits grandeur nature, 2007-2009 © ADAGP, Paris, 2009"Agnès Thurnauer, Portraits grandeur nature, 2007-2009 © ADAGP, Paris, 2009

Eine Sammlung zu zeigen ist nicht eine Ausstellung konzipieren, denn die Werke sind schon da, die Auswahl ist schon getroffen. Es geht darum, in welchem Kontext und in welchem Licht man die Werke der Sammlung präsentiert. Viele Museen haben Ausstellungen weiblicher Kunst präsentiert, doch das Centre Pompidou ist das erste Museum, das seine Sammlung aus dieser Perspektive heraus der Öffentlich zugänglich macht.

Die Wahl der szenografischen Darstellung der Ausstellung überrascht so manches Mal. Anstelle der klassischen schwarzen Schrift auf den Wänden gibt es sie in rosa, blau, grün, eine ganze Palette an Farben, die an den Hauptsponsor der Ausstellung erinnert: Yves Rocher, der Pflanzen-Kosmetik-Hersteller. Ausgerechnet Kosmetik. Doch abgesehen von den szenografischen „weiblichen“ Verschönerungen geht es in den Ausstellungsräumen eher ernst zu, die Kunst zeigt sich teils gewaltig, seriös und anspruchsvoll. Die Sammlung ist reich, überrascht, und das Centre Pompidou, auch Beaubourg genannt, wird ein Jahr lang feminin.

Nur 18% der Werke unter den Kunstsammlungen des Landes sind von Frauen. Das spricht für sich. Diese Ausstellung trägt dazu bei, den Fokus auf Kunst von Frauen zu richten, sich damit auseinanderzusetzen und sich zu fragen, wie sie zur Kunstgeschichte beiträgt.

Das interdisziplinäre Programm, der Audio-Guide, der 380-Seiten dicke Ausstellungskatalog sowie eine Internetseite, die mit dem Slogan „Ein neuer Blick auf die Geschichte der modernen und zeitgenössischen Kunst“ neugierig macht - auf elles.centrepompidou.fr kann man auch erstmalig gezeigte Videos entdecken -: Die Fülle des Angebots rund um die Ausstellung elles@centrepompidou macht diese einmalige Show zu einem umfangreichen Event von Mai 2009 bis Mai 2010.

13/06/2009

Kleinste Ausstellungsfläche Berlins inszeniert s.h.e.

Unter der Adresse Friedrichstraße 210, beim Checkpoint Charlie, führt eine gewölbte Durchfahrt in den Innenhof eines Gebäudes aus den Jahren um 1910. An der Schwelle zwischen Innen und Außen, liegt am Eingang zu einem marmorverkleideten Treppenhaus die frühere Pförtnerloge des Hauses. Nach einer gelungenen Renovierung haben Martin Mlecko, Fotograf und Filmemacher, und Wolfgang Schöddert, Kunsthistoriker, diesen originellen Ort unter dem Namen Loge zu einem Ausstellungsort für raumbezogene Arbeiten entwickelt. Zwei kleine, mit Tudorbögen abgerundete Schiebefenster gewähren den Blick von Drinnen nach Draußen und umgekehrt. Die Loge ist ein begehbarer Raum und dennoch mehr Vitrine als Raum.

[caption id="attachment_1826" align="alignleft" width="208" caption="Eingang zur Loge © Katia Hermann"]Eingang zur Loge©Katia Hermann[/caption]

Das Werk

Theoretisch tot von Stefan Heinrich Ebner, Pseudonym s.h.e., ist eine Skulptur, ein Gebilde, dessen Strukturelemente mit Tierfellen umhüllt sind. Frei in der Loge hängend ertasten die längsten Fühler des Gebildes die Dimension des Raumes - ca. 4qm groß mit einem unregelmäßigen Grundriss - und streben nach Ausdehnung. Struktur und Fell wirken wie eine wesenhafte Einheit. Theoretisch tot berührt diese Einheit und verlangt nach der Reflexion über Entwicklung und Wachstum, Entfaltung und Erfüllung, Leben und Tod. Der Titel des Werkes spricht diese Reflexion mit einer gewissen Ironie an.

Zwei Jahre hing die Basis des Werkes im Atelier s.h.e.-Studio von Stefan Heinrich Ebner in den Josettihöfen in der Rungestrasse. Es brauchte eine lange Zeit, um zu wachsen. Mit ihrer Basisstruktur aus Bambus verlangte die Skulptur keine Kanten, sondern eine „unscharfe“ Hülle. Fell war das perfekte Material: Natürlich, organisch, weich, mit unscharfen, unregelmäßigen Rändern und quasi lebendig. Hier ein „Bastard“, Felle von verschiedenen Tieren wurden zu einem neuen „Wesen“ zusammengefügt.

[caption id="attachment_1827" align="alignleft" width="224" caption="Ansicht "Theoretisch tot" in der Loge © Katia Hermann"]Ansicht Theoretisch tot in der Loge©Katia Hermann[/caption]

Der Künstler

Stefan Heinrich Ebner wurde 1965 in Freiburg geboren und arbeitet seit 1986 in Berlin. Er gründete 1989 das „Jour Fix im Cafe Einstein, Tisch 133", diskutierte über raumbezogene Kunst und soziale Skulptur. Seine Projektionen und nichtsimultanen Räume führten ihn zur Bildarchitektur, die er in Form von Fotogeflechten verschiedener Architekturaufnahmen im Deutschen Architekturzentrum (DAZ) sowie Galerien in Deutschland, New York und der Schweiz ausstellte. Seine Farbfeldanimationen, die aus der 3-D entsprungen sind, die Lichtbilder, die Projektionen auf Pneumatik, der Raumfilter, die Raumfotografie, die Raumfalten und die Bildarchitekturen finden alle ihren Ursprung im strukturellen Aufbau.

Stefan Heinrich Ebner befasste sich lange mit Architekturtheorie. Die ästhetische Infrastruktur ist der Überbegriff seiner Kunst. Nach vielen Jahren der Arbeit am Computer packte ihn das Verlangen "fassbare" Strukturen, Skulpturen, in den wahrhaftigen Raum zu bringen. So entstanden in den letzten Jahren eine Reihe von hängenden Strukturen, bedeckt mit Fell oder auch Federn, die mit Poesie unsere Sinne ansprechen und das Verlangen erzeugen, sie zu umgehen, zu streicheln oder gar hineinzusteigen.

An diesem Ort, der Loge, ist dies leider nicht möglich, nur die zwei abgerundeten Schiebefenster und das schmale Fenster in der Tür gewähren Blicke. Doch umso größer ist auch der Effekt in dieser Art Vitrine: Das eingeschlossene Werk strebt nach außen zum Betrachter, das dessen Verlangen nach Nähe nur steigert.

[caption id="attachment_1828" align="alignleft" width="225" caption="Theoretisch tot von s.h.e. © K atia Hermann"]Theoretisch tot von s.h.e. ©K atia Hermann[/caption]

Der Ort

In ihrer ursprünglichen Funktion war die Loge eine Registratur für Rituale innerhalb der sie umgebenden Architektur. Ein Wechselspiel zwischen Innen und Außen gehört zu ihren Eigenschaften. Sie war ein eng angelegter Arbeitsplatz, ein Ort der Information und zugleich ein Schicksalsplatz - Menschen wurden willkommen geheißen oder zurück auf die Straße verwiesen, angezogen oder abgestoßen. Die Loge war Arbeiten gewidmet, heute der Kunst. Der Wunsch, das Bewusstsein gegenüber einer alltäglichen Schönheit und Poesie zu stärken, steht gleichwertig daneben.

Martin Mlecko und Wolfgang Schöddert arbeiten seit den frühen 1990er Jahren an gemeinsamen Projekten im öffentlichen Raum. Künstlerische und kuratorische Grundgedanken basieren dabei stets auf sozialpolitischen Zielsetzungen. Wesentliches Merkmal war und ist der diskursive Austausch und die Einbindung Anderer in konzeptuelle Prozesse und gleichzeitig die Auseinandersetzung mit Orten, die bestimmte kulturelle Zusammenhänge spiegeln.

An diesem geladenen Ort in der Friedrichstraße in Berlin, der an einem einst neuralgischen und politischen Ort im historischen Zeitungsquartier Berlins liegt und heute zum touristischen Magneten der Stadt gehört, wird die Intention des Projektes und des Werkes Theoretisch tot von Stefan Heinrich Ebner sinnlich spürbar.

04/06/2009

BORDERS: Internationale Gruppenausstellung in Berlin

Der Begriff Border wird in einer Gruppenausstellung in Berlin zur Diskussion gestellt: In seinem 3. Ausstellungsprojekt BORDERS - Rand Grenze Rahmen präsentiert der Berliner Kunstverein ConcentArt e.V. in seiner Location in Kreuzberg 17 nationale und internationale Künstler und Künstlergruppen (5. Juni bis 26. Juli 2009). Der Kunstverein stellt künstlerische Auseinandersetzungen, Methoden und Darstellungsformen über gesellschaftliche Phänomene und Diskurse der Gegenwart in den Mittelpunkt seiner Ausstellungen, für die Begriffe aus dem kollektiven Bewusstsein ausgewählt und zur Diskussion gestellt werden.

Begriffe aus dem kollektiven Bewusstsein

[caption id="attachment_1668" align="alignleft" width="224" caption="Vox Populi von Don Ritter, Borders © K. Hermann"]Vox Populi von Don Ritter, Border©K.Hermann[/caption]

Der Begriff Border und seine deutschen Entsprechungen im Titel des gleichnamigen Ausstellungsprojektes ist ein Angebot des Berliner Kunstvereins ConcentArt e.V. an Künstler aller Genres, Medien, Darstellungs- und Ausdrucksformen, sich produktiv mit gesellschaftlichen Realitäten auseinanderzusetzen und sie sinnlich mit ihren künstlerischen Mitteln in Entsprechung zu dem Begriff Border erfahrbar zu machen. Nach den thematischen Gruppenausstellungen "Sicherheit" und "Wa(h)re Kunst" zeigt ConcentArt e.V. in dem großen Ausstellungsraum in einem Hinterhof der Kreuzbergstraße mit BORDERS – Rand Grenze Rahmen wieder einmal Werke von großer Qualität. Kuratiert wurde die internationale Gruppenausstellung vom Künstler Georgi Begun und dem Berliner Kurator Dr. Rolf Külz-Mackenzie.

Der auch in der deutschen Sprache gebräuchliche Begriff Border steht für eine Bandbreite von Begrifflichkeiten ohne wirkliche Begrenzung und spielt in seinen deutschen Synonymen - Rand, Grenze, Rahmen - in unserer Wahrnehmung eine Rolle. Das angelsächsische Border steht für all dieses und für weitere Zusammenhänge aus der Psychologie (Borderline Syndrom), der Ökonomie (Cross border leasing) oder der Politik (State Border). Wir leben in einer Zeit der Grenzenlosigkeit, der Entgrenzung, der Grenzüberschreitung, der Randexistenzen oder der Rahmenlosigkeit. Wir stossen an die Grenzen der Wahrnehmung, leben in unsichtbaren Grenzen, fallen aus dem Rahmen, oder stehen am Rande des Abgrundes.

Die US-Videokünstlerin Nicole Cohen über Borders von Zeit und Raum


In der Videoinstallation Jet lag von Nicole Cohen wird der Betrachter mit vielfachen Facetten des Begriffs Border konfrontiert: Die Rahmen der zwei Projektionsflächen, zwei kleine Bilder von Räumlichkeiten - hier von Flugzeuginterieurs - und die Überschreitung dieser materiellen Grenze, die hier durch auf die Fläche projizierte, animierte Menschen aufgehoben wird, indem sie von einer Fläche zur anderen wandern und kurzzeitig im Zwischenraum - der Wand - verschwinden. Der Fakt der Eingrenzung im geschlossenen, fliegenden Raum, das Flugzeug: Die besondere Situation des Fliegens, in der Grenzen virtuell erscheinen, Zeitzonen sich überlappen oder für den Passagier in der Luft wahrnehmlich aufgehoben werden. Der Titel Jet lag, spielt auf das physische Resultat der Zeitgrenzenüberschreitungen an.

[caption id="attachment_1667" align="alignleft" width="300" caption="Jet lag von Nicole Cohen, Borders © K. Hermann"]Jet lag von Nicole Cohen, Border©K.Hermann[/caption]

Nicole Cohen wollte das Thema Abflug/Abfahrt und Ankunft bearbeiten, diesen Zustand zwischen zwei Momenten, bei dem man in Abwesenheit und Desorientierung schweben kann. Dieser Moment, in dem man die Erinnerung an einen Raum in den nächsten Raum mitnimmt und eine Überlappung stattfindet, die auch eine Art Konfusion hervorrufen kann.

Die amerikanische Künstlerin befasst sich seit Jahren in ihren Videoarbeiten mit Räumlichkeiten, Innenausstattungen und Mobiliar. Meistens sind sie historisch aus anderen Zeiten und werden durch animierte, projizierte Personen aus der Gegenwart in einen neuen dynamischen Kontext gesetzt. Sie clashen aufeinander durch die Überlappung der immobilen Projektionsfläche, das Bild eines Interieurs und der animierten, den Proprtionen des Interieurs angepassten Videoprojektion.

Bei der Künstlerin ruft der Begriff Border Multiples hervor: The edge (Borte, Flanke, Grenze, Kante, Rand, Schneide, Umrandung...), eine spezifische Linie, die zwei Seiten trennt. Auf der einen Seite befinden sich Dinge, die in einer bestimmten Weise vorgeschrieben sind, und auf der anderen Erwartungen. Eine dünne Linie zwischen zwei verschiedenen Codes oder Arten des Wirkens. Für die Performances in Cohens Videoarbeiten agieren Personen in bestimmten Räumlichkeiten. Es gibt eine starke unsichtbare Grenze zwischen den Akteuren und ihr, der Regisseurin. Die Idee der psychologischen Grenze zwischen verschiedenen Räumlichkeiten sowie Epochen ist in ihren Arbeiten ein Leitfaden.

Nicole Cohen lebt und arbeitet seit 2008 in Berlin, reist für Aufträge oft in die USA und lebt mit dem jet lag, der bei der Ankunft in Berlin anscheinend immer heftiger ist. Sie nennt diesen Zustand auch einen «Kick», einen «Lichtkick», denn man muss das Tageslicht konfrontieren, obwohl der Körper auf Nacht eingestellt ist, und in diesem Zustand erfährt man körperliche Grenzzustände.

Künstlerische Auseinandersetzungen mit Borders


[caption id="attachment_1669" align="alignleft" width="225" caption="Trespassing von Georgi Begun, Borders © K. Hermann"]Trespassing von Georgi Begun, Border©K.Hermann[/caption]

In Unser Garten erforscht der polnische Künstler Roland Schefferski die Grenze zwischen heimisch und exotisch anhand des Gartenbeispiels. Ergebnisse der Tauchgänge in die Tiefe des Unbewussten, Resultate des Projektes ORA des Italieners Ugo Dossi und Hara Walther in Berlin werden hier zum ersten Mal gezeigt: Ab 2008 galt es als Zentrum und Entfaltungsraum für sensitive Begabungen, in dem sie Zugang zur Kreativität des Unbewussten finden und entwickeln können. Als Werkzeug wird hierfür das Phänomen des sogenannten Automatischen Zeichnens eingesetzt, mit dem unbewusste Inhalte unmittelbar, gleichsam automatisch zum Ausdruck gebracht werden können. So entstanden eine große Anzahl von ORAcles, automatische Zeichnungen mit verblüffenden Inhalten, die auf das Wirken einer transpersönlichen Intelligenz hinweisen, an der Grenze zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein...

Der Schweizer Urs Jeaggi appelliert mit seiner Rauminstallation Kampfplatz 2009 an die politische und soziale Dimension des Begriffs Border und stellt erhebliche Fragen an unsere Gesellschaft. Der Kanadier Don Ritter verblüfft mit einer interaktiven Videoinstallation Vox populi, bei der der Besucher historische Reden vor einem projiziertes Publikum halten kann, das prompt auf den Redner reagiert. Der Mazedonier Jovan Balov regt mit seiner Installation aus Video und Leinwänden Net Total zur Reflektion über geopolitische Grenzverschiebungen an.

Der russische Künstler Georgi Begun überrascht mit drei Installationen, in denen er die menschliche Figur in einem Video-Triptychon porträtiert, in Fotoarbeiten durch Gitter eingrenzt, oder mit drei im Fußboden integrierten Bildschirmen am Eingang der Ausstellung. In dieser interaktiven Installation Trespassing tritt der Besucher dem Künstler ins Gesicht, welches sich vor Schmerz verzerrt. Das Künstlerpaar Beatrijs Albers und Reggi Timmermans aus Belgien zeigen neben den vielen Videos in der Ausstellung eine Installation mit Materie, hier Textil: Taschentücher und ausgeschnittene Blazertaschen, in Schnörkelschrift mit Beautiful Borders bestickt, spielen auf den sinnlichen Aspekt des Begriffs Rand an. Die Thematisierung der damaligen Grenze in Berlin sollte bei Borders nicht fehlen. Jan Peter E.R. Sonntag zeigt hier Wall, eine Installation im Bereich der diskursiven Medienkunst. Fünf Jahre nach dem Mauerfall installierte er 100 Sinustöner auf dem brachen Feld des Postdamer Platzes bis hin zur damaligen Ausstellung Fall Wall Fall im Gropius-Bau. 20 Jahre nach dem Mauerfall bezieht er sich bei Borders wieder auf diese Intervention und metrisiert den Raum mit einer großen, weißen Leinwand-ein pulsendes Klangfeld-und setzt eine unsichtbare Linieatur.

Der Berliner Kunstverein ConcentArt e.V. schafft es, die Vielfältigkeit des Begriffs Border anhand der Mannigfaltigkeit der 17 Werke zu umschreiben und kündigt schon die nächsten vielversprechenden Ausstellungen für das Jahr 2009 auf seiner Interseite an: Strictly Berlin und Luxury.

07/05/2009

Verbot: „Our body-à corps ouvert“ in Paris musste räumen

Das gerichtliche Gerangel um die Plastinationsausstellung „Our body - à corps ouvert“ endete am 21. April 2009 in Paris mit einem Schnellgerichtsurteil. Das Pariser Landsgericht verbot die heftig umstrittene Schau. Doch die Firma „Encore Events“ legte Berufung ein und erklärte, es gäbe circa 20 anatomische Ausstellungen dieser Art, die in der Welt wandern und nicht verboten werden. Die Entscheidung des Appelationsgerichtshofes fiel nur 9 Tage später: das Verbot bleibt. Die Ausstellung musste geräumt werden, ihr Verbot ist ein seltener Fall in Frankreich.

[caption id="attachment_1353" align="alignleft" width="200" caption="Ausstellungsansicht"]Ausstellungsansicht "Our body-à corps ouvert" in Paris vor dem Verbot[/caption]„Die durch das Gesetz zugewiesene Ruhestätte einer Leiche ist der Friedhof“, hatte der Richter des Pariser Schnellgerichtshofs betont. Er ließ die Ausstellung schließen, die in 24 Stunden geräumt werden musste und die Exponate, d.h. die Körper der Ausstellung, beschlagnahmen, so lange, bis eine Lösung konform mit dem Beisetzungsrecht durch die französischen Behörden gefunden wird.

Die präparierten Leichen, die in der Pariser Ausstellung gezeigt wurden, gehören laut Aussteller der Stiftung „Anatomical Sciences and Technologie“ in Hong Kong, die sie legal gespendet haben soll. Die Spender oder die Angehörigen sollen zur Körperspende eingewilligt haben. Der Ausstellungsorganisator, die Firma „Encore Events“, hatte eine Konvention mit dieser Stiftung unterzeichnet. Doch diese beweist nicht die Einwilligung der Verstorbenen, sagte der Anwalt der zwei klagenden Verbände "Solidarité Chine" und "Ensemble contre la peine de mort".

„In China gibt es einen illegalen, verbreiteten Handel mit Leichen, Körperteilen und Organen“ fügte der Anwalt hinzu, das simple Papier einer chinesischen Stiftung ohne Sitz oder Telefonnummer reiche als Beweis nicht aus. Die Stiftung „Anatomical Sciences and Technologie“ sei zudem im medizinischen Kreise unbekannt.

Einer der Anwälte der angeklagten Firma behauptet, die Entscheidung des Richters müsse dann auch dazu führen jegliche Ausstellung zu schließen, die Mumien oder Fötusse in Gläsern zeigt. Ganze Räume des Pariser Musée de l´Homme wären dann betroffen und müssten schließen. Oder, fügte der Geschäftsführer der Firma Pascal Bernardin hinzu, die Ecorchés des Anatomisten Honoré Fragonard im Museum der Tierarztschule in Maisons-Alfort. Der Museumsdirektor in Maisons-Alfort äußerte darauf: „Diese Körper, die Ecorchés des 18. Jahrhunderts, spiegeln einen Moment der anatomischen Wissenschaftsgeschichte wieder. Die Körper stammten aus Hospizen, sie wurden für die Lehre hergestellt. Die ethische Abweichung ist radikal“.

In seinem Urteil hatte der Richter erwogen, dass die Leichen-Ausstellung dem Respekt des menschlichen Körpers schade. Die Inszenierung der zerschnittenen Leichen, teilweise gefärbt oder in bestimmten Positionen dargestellt sei eine Verletzung des Anstands. Er berief sich auf ein Gesetz von Dezember 2008, indem die Rechte für den Schutz des Menschen auch für die von Leichen gültig gemacht wurden. Der Staatanwalt sagte, das Gesetz verbiete Konventionen die Körperhandel beinhalten. Die Kommerzia-lisierung sei eine offensichtliche Verletzung des Respekts der Toten. Der private Besitz von Leichen ist verboten. Jeder Tote hat Anrecht auf eine Bestattung, außer wenn medizinische Gründe vorliegen.

Bis zu 120 000 Besucher sahen die Pariser Ausstellung. Sie sollte bis Mai andauern und weiterwandern. Vor Paris war sie in Frankreich in Marseille und Lyon zu sehen. Doch die französische Justiz machte nun einen Strich durch die Rechnung.

Diese Art von „Leichen-Ausstellungen“ touren weltweit friedlich weiter, wie die von dem Erfinder des Plastinationsverfahren Gunther van Hagen, die ab 7. Mai in Berlin zu sehen ist. Das Thema und der Titel dieser 2. Ausgabe in Berlin: Körperwelten & der Zyklus des Lebens. Ausgerechnet das Leben wird mit Toten inszeniert. Die vieldiskutierte Leicheninszenierung hatte vor 8 Jahren in Berlin bis zu 1,43 Millionen Besucher angelockt und wurde bis jetzt nie verboten. Das erste Verbot dieser Art präparierter Leichen-Ausstellungen deklariert das Land der kulturellen Toleranz und der Menschenrechte.

20/03/2009

Charlotte Roches Bestseller endlich auch "Zones humides"

Der Bestseller von Charlotte Roches „Feuchtgebiete” erschien am 6. März in Frankreich. Die Rechte wurden an 27 Länder verkauft, nun darf Frankreich das Buch lesen. Hervorragend übersetzt von Claire de Oliveira („Avidité“ von Elfriede Jelinek; Preis Gérard de Nerval für literarische Übersetzungen 2004) erschien „Zones humides“ in einer Auflage von zunächst 27 000 Exemplaren.

Deutschland hat die Diskussion um „Feuchtgebiete” und den erstaunlichen Erfolg eines anrüchigen Romans überstanden. Nun steht Frankreich vor einer Debatte über „Hämorrhoiden und Körperflüssigkeiten“, über die Selbsterkundung der weiblichen Körperhöhlen und den Sinn von Intimrasuren, aber womöglich nur, wenn das Buch den gleichen Erfolg haben wird.

Der deutsch-französische Kultursender Arte versuchte am Abend zuvor, am 5. März mit der Doku „Feuchtgebiete erforschen” zu erkunden, wie unsere Nachbarn auf die Überschreitung der Ekelgrenzen reagieren werden und welche unterschiedlichen Wahrnehmungen die Deutschen und Franzosen haben, sei es auf gesellschaftlicher Ebene oder aus der Sicht der Frau.

„Die Franzosen sind viel schamhafter als die Deutschen”, konstatiert etwa Schriftsteller Frédéric Beigbeder, der sich auf die Seite der Autorin schlägt. „Sie bekämpft genau wie ich die Werbung.” Fernsehstar Harald Schmidt sagt, er nennt den Roman einen „Schlag in die Perfektionsmaschine einer Heidi Klum”.

Die Französinnen werden in der Heimat der großen Couturiers mehr als die Deutschen vom Druck der Modewerbung beeinflusst, in der kein überflüssiges Körperhaar und kein Pickelchen zu sehen sein darf. Und die Franzosen verhalten sich schamhafter, in den öffentlichen Duschen von Schwimmbädern, z.B. ziehen sie nicht den Badeanzug aus. „Zones humides” dürfte es schwerer haben, das Herz der Franzosen zu erobern. Denn während Deutschland das Gesicht von Charlotte Roche aus dem Fernsehen und den Medien schon kannte, ist sie in Frankreich unbekannt.

[caption id="attachment_903" align="alignright" width="300" caption="Charlotte Roche © K.Hermann "]Charlotte Roche © K.Hermann[/caption]

Roches Themen erschrecken die Franzosen nicht sonderlich. Als „pornografische“ Bücher mit gewagtem Inhalt sind „Lolita“ von Vladimir Nabokov und “Der Dieb“ von Jean Genet in Erinnerung. Anais Nins „Das Delta der Venus“, auch Gustave Flauberts „Madame Bovary“ sowie die Wendekreise von Henry Miller haben für literarische Sensationen, Verurteilungen und zum Teil für Verbote gesorgt. Charlotte Roche wird so schnell keine Französin und keinen Franzosen „moralisch“ erschüttern.

Das Buch wird in Frankreich von einer aufwendigen Werbekampagne begleitet. Das Cover zeigt hier ein verschwommenes Frauengesicht, gar sinnlicher als die deutsche Version mit Pflaster. Die französische Presse reagierte schon damals auf den unglaublichen Erfolg in Deutschland, nun berichten Tageszeitungen, aber vor allem Modezeitschriften über „Zones humides“.

Das berühmte „Elle-Magazin“ veröffentlichte am Tag der Herausgabe einen langen Artikel, indem Charlotte Roche als eine Autorin voller Humor und Talent gelobt wird. Aussagen wie: „Wäre ich nicht so verklemmt, hätte ich nie das Bedürfnis gehabt so einen Text zu schreiben“ und Erläuterungen zu ihrer Biografie bezeugen ein intimes Gespräch zwischen Elle-Journalistin und Autorin. Bei den vielen Lesern und vor allem Leserinnen der Zeitschrift, ist die Vorstellung der Bestseller-Autorin eine vorzügliche Werbelokomotive für das Buch.

Leider konnte die Autorin nicht zur geplanten Pressekonferenz am 12. März nach Paris kommen, wo wichtige Fernsehauftritte wie z.B. bei Canal+ geplant waren.

Wir werden einige Zeit abwarten müssen, um wirklich zu erfahren, wie die Franzosen auf „Zones humides“ reagieren, denn Mundpropaganda braucht seine Zeit. Doch der Geschmack der Franzosen für Skandale, Sex und People sowie ein gewisser teils trockener, teils anzüglicher Humor passt eigentlich sehr gut zu „Zones humides“.

05/03/2009

BOUROUINA GALLERY: dynamisch und schön frech

Am 2. Mai 2008 eröffnete die Französin Amel Bourouina ihre BOUROUINA GALLERY in Berlin-Kreuzberg. Gegenüber dem Arbeitsamt und neben einem Supermarkt, kann man diese traumhafte Ausstellungsfläche von 200 m2 in der Charlottenstraße entdecken, wenn man die Tür in der blickundurchlässigen Fensterfront öffnet.

Von Beginn an setzen sich ihre Ausstellungen von den gewöhnlichen, klassischeren Galerie-Ausstellungen ab: sie fördert vorwiegend junge Künstler, die eine radikale und dynamische Position vertreten und öffnet ihren Raum für „thematische Experimente“.

01/03/2009

Die Paris-Berlin Verbindung auf poetischem Weg

Premiere in Berlin: Der Frühling kommt und somit die Poesie! Dieses Jahr findet zum ersten Mal der „Printemps des Poètes“ (der „Frühling der Dichter“) in Berlin statt (02. bis 15. März 2009). Das Konzept dieses Festivals kommt aus der Hauptstadt Frankreichs, wo sich der Pariser Verein „Printemps des Poètes“ seit zehn Jahren für die Verbreitung und Vermittlung von Poesie einsetzt: z.B. durch Unterstützung von Dichtern bei Veröffentlichungen, Archivierung von Poesie sowie poetischen Aktionen, Ausbildung von Bibliothekaren und Lehrern.

Jedes Jahr wird zu diesem Fest der Poesie mit einem vorgegebenen Thema aufgerufen. Das Thema 2009 ist „en rires“ („darüber lachen/zum Lachen“). Und jeder kann daran teilnehmen: Privatpersonen, Schüler, Vereine, Berufsgruppen, kulturelle Institutionen. Ziel ist, dass jeder selbst zum Poesie-Botschafter wird.

In Berlin wurde der Printemps des Poètes Berlin09 von der Kulturmanagerin Catherine Launay initiiert und mit der Unterstützung der Poesie-Vermittlerin Nicola Caroli weiterentwickelt. Durch ein gutes Netzwerk, neue Kontakte und Mundpropaganda konnten sie in kurzer Zeit - ohne Sponsoren, ohne Institutionen, nur mit Hilfe ehrenamtlicher, engagierter, poesieliebender Mitarbeiter und Organisationen - mehr als 50 Aktivisten gewinnen.

Ein alternatives, spontanes Festival also, das der Lyrikliebhaber an mehreren Orten in Berlin entdecken kann und das sich als internationale und interdisziplinäre Aktion versteht. Sie will anregen, über Poesie zu reflektieren und lädt ein, unterschiedliche Vorstellungen, Auffassungen und Formen von Poesie auszudrücken: Was ist Poesie? Was kann Poesie alles sein? Was ist für Euch poetisch? Wie möchtet Ihr Euch mitteilen? Wie kann sie die Menschen erreichen?

[caption id="attachment_680" align="alignleft" width="317" caption="Street Note von Cécile Belmont, Berlin"]Street Note von Cécile Belmont, Berlin[/caption]Eine breite Palette an poetischen Aktivitäten wird angeboten: Private und öffentliche Aktionen, spontane Happenings, mehrsprachige Lesungen, Installationen, Aktionen im öffentlichen Raum oder organisierte Workshops für Jugendliche und Erwachsene sowie Ausstellungen und Veranstaltungen auch in mehreren Sprachen. Eine Aktion kann eine Minute dauern, eine einmalige Veranstaltung sein oder sich über volle zwei Wochen hinziehen.

Es können sich neben dem feststehenden Programm durchaus Parallelprogramme entwickeln: das von begeisterten Zuschauern, die selber zu Akteuren werden.  Der Printemps des Poètes Berlin09 ist offen für alle und wird vielleicht – online - über den 15. März andauern.

Machen Sie mit, werden Sie selber zum Dichter: senden Sie Ihre poetischen Nachrichten per Internet auf den Poesie-Anrufbeantworter, schicken Sie Fotos von ihren Magnetbuchstaben-Gedichten auf dem Kühlschrank oder hinterlassen Sie Ihre Reime auf Notizzetteln in den Poetry Collecting Boxes an öffentlichen Orten wie Cafés, Bioläden oder Galerien im Reuterkiez, Berlin-Neukölln.
Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf, was Poesie ist, was poetisch ist, bestimmen Sie!