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04/01/2010

„Abschied von gestern“: Katrin Kampmann in Ludwigsburg

Noch bis zum 7. Januar zeigt Kunstbetrieb 7 in Ludwigsburg die aktuellen Werke der jungen, in Berlin lebenden Künstlerin Katrin Kampmann, in deren Malerei Abstraktion und Figuration, Reales und Surreales fusionieren. Durch die Farbe und Mehrschichtigkeit entsteht eine Explosion aus der neue und zugleich vertraute Szenerien.

1979 in Bonn geboren, geht Katrin Kampmann, nachdem sie als Kind einige Jahre in Paris gelebt hat, nach Berlin und studiert von 2001 bis 2006 unter Prof. K. H. Hödicke an der Universität der Künste und erhält den ehrenvollen Meisterschülerpreis. Schon kurz darauf wird sie von der Galerie Michael Schultz in Berlin neben bekannten Künstlern wie Cornelia Schleime und damals Norbert Bisky vertreten.

Katrin Kampmann, Persönliche Motive, 2009, Tusche, Acryl, Duck und Öl auf Leinwand, 150 x 200 cm © K. Kampmann"
Katrin Kampmann, Persönliche Motive, 2009, Tusche, Acryl, Duck und Öl auf Leinwand, 150 x 200 cm © katrinkampmann

Bereits Ende 2007-2008 hängen ihre Werke in der Kunsthalle Rostock neben zeitgenössischen Werken aus einer der bedeutendsten europäischen Privatsammlungen des niederländischen Sammlerehepaares Knecht. Neben berühmten Zeitgenossen der älteren Generation wie Penck, Baselitz und Lüpertz befinden sich vor allem Arbeiten jüngerer Künstler in der Kollektion.

2008 wurde die Kampmann von Hans Grothe entdeckt, Vater des Bauherrn des Concorde Hotels in Berlin und erfahrener Kunstsammler. Er beauftragt die junge Künstlerin, Werke für das Concorde Hotel zu schaffen. Kaum aus dem Fahrstuhl gestiegen, überwältigen ihre farbigen Großleinwände in der ersten Etage sowie in der Brasserie Le Faubourg. Dort stellt Katrin Kampmanns "Frühstück im Freien" nicht nur ein historisches Zitat dar, mit dem sie spielt, sondern setzt auch einen überaus farbenfrohen Akzent.

2009 sind ihre Werke unter denen der deutschen Künstler in der Show "Kunstdialog in gemeinsamer Bewegung” im Museum of Art in Wuhan-China vertreten, eine Gruppenausstellung, die vom Goethe Institut und dem Auswärtigen Amt in Wuhan unterstützt wurde. Auch über ihre Einzelausstellung im selben Jahr in der Galerie schultz contemporary, "Die einfache Explosion", wurde mehrfach berichtet.

"Katrin Kampmann, Abschied von gestern, 2009, Tusche, Acryl, Druck und Öl auf Leinwand, 250 x 400 cm (Diptychon) © K. Kampmann"
Katrin Kampmann, Abschied von gestern, 2009, Tusche, Acryl, Druck und Öl auf Leinwand, 250 x 400 cm (Diptychon) © K. Kampmann 

In der Malerei von Katrin Kampmann fusionieren Abstraktion und Figuration, Reales und Surreales. Durch die Farbe und Mehrschichtigkeit entsteht eine Explosion, aus der neue und zugleich vertraute Szenerien entstehen.

Katrin Kampmann malt, was sie umgibt. Freunde, bekannte oder imaginäre Personen nach fotografischen Bildern. Auf den großformatigen Leinwänden herrscht eine gewisse Spannung, Heftigkeit und Emotionalität und eine wahrhaftige Farbexplosion. Leuchtende Farbflächen und Farbkleckse prallen auf die figurativen Darstellungen des Alltags. Ihr dynamischer Gestus kontrastiert mit den teilweise perfekt geformten Farbflecken, die die Flächen übersäen. Die malerisch reduzierten und verfremdeten Gestalten oder Silhouetten schimmern durch tapetenartige Muster, bewegen sich auf, vor oder hinter verschiedenen Flecken. Vordergrund und Hintergrund, Personen, Gegenstände, Farbflächen und Kleckse fließen ineinander und durcheinander. Ein zuerst wild wirkendes, doch hochrangig organisiertes System. Werke, die immer wieder ein optisches Erlebnis sind und den Betrachtern die Freiheit geben eigene Assoziationsketten zu finden.

Die junge Malerin kombiniert meisterhaft die unterschiedlichsten Maltechniken zu einem perfekt arrangierten Ensemble. Ihre expressive Malerei mit dem Pinsel wird durch die überlagernden Drucke zu einer Art Ordnung aufgerufen. Ob Tusche, Acryl oder Öl, sie trägt die Farbe mit dem Pinsel auf, schüttet, drippt oder sprüht. Ob horizontal auf dem Boden oder vertikal an der Wand, der permanente Wechsel der verschiedenen Techniken erfordert einen harten Körpereinsatz bei der Anfertigung der großformatigen Leinwände.

"Der Zufall spielt bei meiner Arbeit schon eine gewisse Rolle. Er gibt mir die Möglichkeit, mich immer wieder zu hinterfragen", sagt die Malerin.

Und Schnelligkeit ist bei ihren Techniken ebenfalls gefragt. Oft muss sie schnell eingreifen, noch bevor die Farbe trocknet, und das heißt geschickt agieren mit den unvorhersehbaren Formen und Strukturen, die z. B. durch die Drucktechnik entstehen.


In der Ausstellung „Abschied von gestern“ werden 15 aktuelle Werke gezeigt, die in den hellen, großen Galerieräumen des Kunstbetriebs 7 hervorragend zur Geltung kommen. Anhand von Schablonen stellt die Künstlerin in ihren jüngsten Gemälden Klone anderer Flecken her und kann sie unendlich wiederholen. Dadurch erhalten die Flecken etwas Künstliches, Technisches, Perfektes und stellen neben dem Gestus ihrer expressiven Malerei Kontrolle und Synthetik dar. Sie thematisiert in ihren jüngsten Werken die Omnipräsenz der Bilder in unserer Gesellschaft anhand von Motiven wie Laptop, TV und Handybildschirm. Die Perfektion der modernen Technik prallt auf die menschliche Unperfektion.

In "Persönliche Motive“ etwa steht auf der linken Hälfte des Bildes eine Frau. Der fleckige Boden, der als Diagonale die untere Bildhälfte einnimmt, gibt den sonst eher flächigen Bildern hier eine Tiefe. Die Frau posiert dem Betrachter zugewandt in einer Kampfgeste, die Faust nach vorne. Mit ihrem Look und der Umhängetasche wirkt sie jung mit dynamischem, fast aggressivem Gestus. In der Mitte des Gemäldes „explodiert“ ein Farbfleck, wie ein Feuerwerkskörper, den die Frau zu uns wirft. Eines der kraftvollsten Werke dieser beeindruckenden Einzelausstellung.

19/10/2009

Kunst und Kalter Krieg im Deutschen Historischen Museum Berlin

Die Ausstellung „Kunst und Kalter Krieg - Deutsche Positionen 1945-1989" startete am symbolischen Tag, dem 3. Oktober 2009, und zeigt bis zum 10. Januar 2010 auf rund 1.500 m2 in dem Gebäude von I. M. Pei des Deutschen Historischen Museums 375 Kunstwerke von mehr als 120 Künstlern. 20 Jahre nach dem Mauerfall kann man eine Auswahl deutscher Kunst, die seit dem Kriegsende in Ost- und Westdeutschland entstand, in dieser thematischen Gruppenausstellung neu entdecken. Einige Werke kennt man vielleicht schon aus verschiedenen Museumssammlungen oder aus der Ausstellung „Kunst in der DDR“ in der Nationalgalerie in Berlin.

[caption id="attachment_2828" align="alignleft" width="300" caption="A. R. Penck, Der Übergang, 1963, Aachen, Sammlung Ludwig, Ludwig Forum für internationale Kunst©2009 A. R. Penck"]A.R. Penck, Der Übergang, 1963, Aachen, Sammlung Ludwig, Ludwig Forum für internationale Kunst©2009 A.R. Penck[/caption]

Die Kuratoren, Stephanie Barron vom Los Angeles County Museum of Art und Eckhart Gillen, Kulturprojekte Berlin, präsentieren nach den Stationen Los Angeles und Nürnberg in Berlin eine neue Version der Ausstellung „Kunst und Kalter Krieg“. Die Berliner Variante präsentiert noch zusätzliche Werke. Gemeinsam sollen sie zeigen, wie Künstler aus Ost- und Westdeutschland im aufgeladenen Spannungsfeld der ideologischen Systemgegensätze in Ost und West eine vielschichtige und eigenständige politische Ikonografie entwickelt haben. Eckhart Gillen äußerte: „Die verschiedenen Formen der Kunst transportieren mentale, kulturelle und politische Inhalte, ohne sie im Sinne politischer Botschaften zu instrumentalisieren. Indem die Bilder aus vier Jahrzehnten deutscher Nachkriegskunst in ihrer Vielfalt und in ihrer Gestaltungskraft in unsere Wahrnehmung rücken, entsteht eine neue Perspektive auf die geteilte Nachkriegsgeschichte.“

Stunde Null, 1945-49



Der Rundgang gliedert sich in vier Zeitabschnitte und beginnt mit der Stunde Null, 1945, und mit der Frage nach Kontinuität oder Neubeginn. Mit Werken von Karl Hofer und Hannah Höch beginnt man den Rundgang im ersten Saal; sie zeigen Menschen gruppiert in Szenen von Totentänzen und trauernden Frauen. Schwarzweiß-Fotos von Richard Peter sen., die 6er Serie „Dresden nach der Bombardierung vom 13/14. Februar 1945“, zeigen Bombenopfer und ihre Accessoires in den Trümmern von Dresden. Werke der Abstraktion aus der Schule der Bauhaus-Moderne werden mit figurativen Werken konfrontiert. Heinz Trökes Ölgemälde „Zwischen den Blöcken“ von 1947, eine im surrealistischen Stil dargestellte Szene schwebender Elemente zwischen zwei Mauer-Blöcken, ist vielleicht die erste Anspielung auf das, was noch kommen wird. Die Bronzeskulptur „Der Befreite“ von Georg Kolbe von 1945 sitzt nackt auf einem Stein und vergräbt sein Gesicht tief in seinen Händen - wohl befreit, doch trauernd, bedrückt und verängstigt sitzt er da und erinnert an den „Denker“ von Auguste Rodin, nur ist es hier eine zusammengebrochene Gestalt. In ihr spiegelt Kolbe die Erschütterung der Deutschen nach dem Kriegsende wider.

Streit um das Menschenbild in den 50er Jahren



Der Held der Zukunft ist das Sujet des Sozialistischen Realismus im Osten, während die informelle Malerei im Westen Ausdruck des befreiten Subjekts sein will. Denkmalwettbewerbe konkurrieren um die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen. Siegesdenkmal in Ostberlin, das Buchenwald-Ehrenmal mit der Skulpturengruppe von Fritz Cremer in der DDR, das geplante Denkmal des unbekannten politischen Gefangenen in Westberlin...

Zeitgenossenschaft: 1960 bis 1979



[caption id="attachment_2829" align="alignleft" width="300" caption="Jörg Immendorff, Café Deutschland, 1977/78, Museum Ludwig Köln © Jörg Immendorff estate, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln"]Rheinisches Bildarchiv Köln[/caption]

Die Erweiterung des Kunstbegriffs und der künstlerische Gebrauch der neuen Medien stehen unter dem Begriff Zeitgenossenschaft. In diesen Jahren beginnt zugleich die historische und künstlerische Aufarbeitung des Nationalsozialismus sowie die Radikalisierung verschiedener politischer Gruppen und Künstlergruppen. Der Kapitalistische Realismus, inspiriert durch die amerikanische Pop Art, wird die Kunst des Wirtschaftswunders. Fluxus, Happening, Performance und Neue Medien erweitern den Kunstbegriff. Hier sind bedeutende Werke von Beuys, Uecker mit der Gruppe Zero, Vostell, Polke und Nam June Paik - seine Installation „Kuba“ von 1963, ein Fernsehgerät der Marke „Kuba“ - zu sehen. Sigmar Polke baut 1967 das Objekt "Kartoffelhaus", ein bissiger Kommentar auf die Welt des westdeutschen Kleinbürgers der Wirtschaftswunderjahre, für den Eigenheim und gefüllter Vorratskeller überwichtig scheinen. Eine Kritik und Warnung des Künstlers, dass durch die Konsumfreude der Blick auf die Geschichte verloren geht.

Wolf Vostells Bild „B-52 (Lippenstiftbomber)" von 1968 ist eine Kritik an der amerikanischen Regierung, die nach Vostells Meinung lieber Lippenstifte über Nord-Vietnam abwerfen sollte, als das Land zu bombardieren. Jörg Immendorff verurteilt Volf Wostells Position als westlichen Kultur-Imperialismus in seinem großformatigen Gemälde „Deutsche Künstler=Vostell“ von 1975, in dem er Vostell mit seinem Happening-Manifest in der Hand fliegend porträtiert. Immendorff ironisiert den Einfluss auf die Künstler seines ehemaligen Lehrers Beuys in seinem Ölgemälde „Beuysland“ und verurteilt die aus seiner Sicht korrumpierte Gesellschaft in seiner „Lidl"-Serie. In seinem berühmten Gemälde „Café Deutschland“ von 1977/78 dokumentiert er unter anderem seine Freundschaft zu dem bis 1980 in der DDR lebenden Künstler A. R. Penck, mit dem er in den 70er Jahren trotz des geteilten Deutschlands eine künstlerische Partnerschaft begann.

Weiterhin zu sehen sind Werke von Georg Baselitz („Bild für die Väter“, 1965), Thomas Bayrle („Nürnberger Orgie“, 1966), Markus Lüpertz („Dithyramb“, 1964), Gerhard Richter („Onkel Rudi“, 1965) oder Wolf Vostell („Auschwitz-Scheinwerfer 568“, 1958), denen das oft leidenschaftliche Bemühen um Aufklärung, Erinnerung und Anklage gemeinsam ist. Und ein solches Engagement wurde noch bis in die 80er Jahre fortgeschrieben, wie etwa die Bilder von so unterschiedlichen Künstlern wie Anselm Kiefer („Varus“, 1980), Olaf Metzel („Türkenwohnung. Abstand 12 000 DM VB“, 1982) oder Albert Oehlen („Führerhauptquartier“, 1984) erkennen lassen.

[caption id="attachment_2830" align="alignleft" width="266" caption="Bernard Heisig, Unterm Hakenkreuz, 1973, Staatliche Museen zu berlin, Nationalgalerie © 2009 Bernhard Heisig/VG Bild-Kunst Bonn"]Bernard Heisig, Unterm Hakenkreuz, 1973, Staatliche Museen zu berlin, Nationalgalerie@2009 Bernhard Heisig/VG Bild-Kunst Bonn[/caption]

Die Installation von Raffael Rheinsberg „Hand und Fuß“ von 1980 mit 350 aufgereihten schwarzen Schuhen und Handschuhen, die er im Niemandsland der Berliner Mauer, nahe des Anhalter Bahnhofs, fand, stammen aus einem Zwangsarbeiterlager der NS-Zeit. Die Installation erhält durch das Licht der Installation von Wolf Vostells „Ausschwitz-Scheinwerfer 560“ von 1958 eine noch dramatischere Dimension. Die Gestaltung ist hier gut gelungen und Bernhard Heisigs bekanntes Ölbild „Unterm Hakenkreuz“ von 1973 hängt auch nicht weit entfernt.

1980-1989: Wahnzimmer Deutschland und Trauma der Vergangenheit



Das Werk von Lutz Dammbeck, „Nibelungen“ von 1986-1988 zieht hier das Auge des Besuchers besonders an. Der Künstler näht hier Bilder der Gesichtshälften von Baader und Ensslin mit Bildern von Werken vom NS-Bildhauer Arno Breker zusammen. Der Titel ist eine direkte Anspielung auf Hitlers Bewunderung für Richard Wagners „Ring der Nibelungen“.

Volker Stelzmann aus Dresden gibt eine Hommage an Rudi Dutschke mit seinem düsteren Ölbild „Für R. D.“ von 1981/82. Es zeigt Rudi Dutschke, der sich auf eine Badewanne stützt, Kopf nach unten gesenkt, eine direkte Anspielung auf seinen tragischen Tod. Georg Herold aus Jena überrascht mit seiner Installation „Laokoon“ von 1984, die aus einem alten Staubsauger und einem Audio-Band besteht, das die Rede von Hitler und Ulbricht über entartete Kunst von 1937 wiedergibt. Der Künstler war in der DDR inhaftiert, bevor seine Ausreise in den Westen 1973 genehmigt wurde.

Die Installation von Hans Haake, „Weite und Vielfalt der Brigade Ludwig“ von 1984 besteht aus zwei großformatigen Ölbildern, die über Eck durch ein Imitat der Berliner Mauer getrennt werden. Es ist mit das eindeutigste Werk der Ausstellung. Auf dem links hängenden Ölbild im sozialrealistischen Stil ist der Industrielle und Kunstmäzen Peter Ludwig mit Familie als Schokoladen-Patissier abgebildet. Das rechts von der Mauer hängende Gemälde zeigt eine Szene im Stil der westlichen Werbung für Trumpf-Schokolade, ein Produkt des Industriellen.

Im Ganzen stellt die Ausstellung eine beeindruckende, in ihrer Intensität und Dichte einzigartige Einführung in über 40 Jahre deutsch-deutsche Kunstgeschichte dar. Dass man die Ausstellung gleichwohl etwas unbefriedigt verlassen kann, liegt an der „Unterbelichtung“ des Kalten Krieges. Denn was hier unter dem Titel der Ausstellung geboten wird, ist vor allem eine Geschichte der deutschen Teilung und ihrer Verarbeitung in der Kunst. Die Erscheinungsformen des Kalten Krieges in der Kunst der beiden deutschen Staaten erhalten dafür weitere Aufmerksamkeit im Katalog der Ausstellung. Das Rahmenprogramm mit Filmvorführungen und Führungen durch „Kunst und Kalter Krieg - Deutsche Positionen 1945-89“ mit renommierten Künstlern ist vielversprechend.